Morgens um 7 in Murnau und ein Termintipp für eine „Horváth-Führung“ in Murnau

Horvaths Hut und die Muschel © Liz Collet, Musikpavillon, Kulturpark, Park, Murnau, Das Blaue Land, Pavillon, Bühne, Konzertbühne

Horvaths Hut und die Muschel © Liz Collet

Wer vor der Vergangenheit
die Augen verschließt,
wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker

Am Sonntag, 6.8.2017 findet eine literarische Wanderung durch Murnau (ca. 1,5 km) ausgehend vom sogenannten „Horváth-Haus“ in der Bahnhofstrass 18 (das an die Stelle der 1974 abgerissenen, also nicht mehr existierenden und bereits 1934 von Horváths Eltern verkauften Horváth-Villa gebaut wurde) statt, bei der Sie mehr über das Schaffen des Dichters Ödön von Horváth erfahren.

Während  der Führung von 11.00 bis 12.30 Uhr lernen Sie ein wenig von dem Dichter kennen, der von 1924 bis 1933 vorwiegend in Murnau in seinem Elternhaus lebte, sowie über seine Haltung zu den Anhängern des Nationalsozialismus.

Treffpunkt der Führung ist – laut Touristinformation HIER – das als Horváth-Haus bezeichnete Anwesen weiter oberhalb  in der Bahnhofstraße 18. (siehe auch Auf den Spuren Horváths).

Die Teilnahmegebühr beträgt 8 Euro.
Die Strecke beläuft sich auf ca. 1,5 km.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich

Kontakt

Tourist Information Murnau
Kohlgruber Straße 1
82418 Murnau a. Staffelsee

Telefon: 08841 6141-0
Telefax: 08841 6141-21
E-Mail: touristinfo@murnau.de

EIN HINWEIS VON MIR zu den o.g. Infos der Touristinformation Murnau:

In der Bahnhofstrasse 18  hat heute das Sanitätshaus Erdmann seine Geschäftsräume. Als Horvath-Haus wird hingegen das auf der gegenüber liegenden Strassenseite liegende Anwesen Bahnhofstr. 17-19 bezeichnet. Dort ist auch eine Gedenktafel mit Hinweis auf das frühere Horváth-Haus an der Fassade des Anwesens Bahnhofstrasse 19 zu finden. Mutmasslich liegt also bei der Termininformation der Tourist Information Murnau HIER ein Schreibfehler bei der Hausnummer seitens der Touristinformation vor.

"Ödön von Horváths Hut" im Kulturpark © Liz Collet

„Ödön von Horváths Hut“ im Kulturpark © Liz Collet

Zu Ödön von Horvath:

Ödön von Horváth (1901-1938) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern und Dramatikern des 20. Jahrhunderts. 1931 erhielt er für sein Schaffen den Kleist-Preis, der auch heute noch verliehen wird.

Geboren in Fiume (heute Rijeka) als Sohn eines ungarischen Diplomaten, kam er mit seinen Eltern und seinem Bruder Lajos erstmals 1920 auf Sommerfrische nach Murnau am Staffelsee, ein Ort mit damals rund 3.000 Einwohnern.

Bereits vier Jahre später bezog die Familie ihre neu erbaute Villa in der Bahnhofstraße. Diese wurde 1974 abgebrochen. Dort schöpfte der Schriftsteller entscheidende Anregungen für seine Werke.

Horváth beobachtete auch in seiner Zeit hier die Kleinbürger, ihr Denken und Handeln. Aus dieser Zeit stammen seine Volksstücke „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (1931), „Kasimir und Karoline“ (1932) oder „Glaube Liebe Hoffnung“ (1933).

Besonders deutlich wird der Bezug zu Horváths Erlebnissen in und um Murnau in seinen „Sportmärchen“ (1924), der Komödie „Zur schönen Aussicht“ (1926) und dem Volksstück „Italienische Nacht“ (1930).

Einer der Schauplätze seines Romans „Jugend ohne Gott“ (1937), den viele als Schüler aus dem Deutschunterricht als Lehrstoff kennen werden, ist ein Zeltlager der Hitler-Jugend bei Murnau.

Nach einer Auseinandersetzung mit Nationalsozialisten 1933 im Hotel Post verließ Horváth Murnau.

Hintergrund waren die Ereignisse um die bekannte sog. Murnauer Saalschlacht. Murnau hatte sich zur Hochburg der Nationalsozialisten im Werdenfelser Land gewandelt. Am Sonntag, den 1. Februar 1931 „nachm. 3 Uhr“ hält die SPD im Hotel „Kirchmeir“ eine „öffentliche Volksversammlung“ ab. Dazu waren zahlreiche Nationalsozialisten angereist mit dem Ziel, die Veranstaltung zu sprengen.

Horváth hat Freunde zum Bahnhof gebracht, geht anschließend zum „Kirchmeir“ und erlebt eine Saalschlacht, bei der Stuhlbeine und Bierkrüge fliegen. Selbst die Straße war rot vom Blut, entsinnt sich – Berichten zufolge – Maria Biller, und in den Köpfen steckten diesen Berichten zufolge noch die Scherben.

Das Hotel „Kirchmeir“, Platz der Saalschlacht, wurde zu einer Filiale der Bayerischen Vereinsbank , der  Murnau – VR-Bank Werdenfels eG.

Vormaliger Gasthof „Zur Traube“ / heute Murnau – VR-Bank Werdenfels eG links mit Buchhandlung

Ende Juli 1931 folgte der Prozeß vor dem Weilheimer Amtsgericht, 26 Menschen waren verletzt worden.  Der keiner Partei angehörende Schriftsteller Ödön von Horváth sagt als Zeuge aus, sein Eindruck sei gewesen, daß die Schlägerei von den Nationalsozialisten geplant war.

Die Stimmung in Murnau wendet sich gegen Horváth. Am 10. Februar 1933 ist es dann soweit, als Horváth wieder einmal in seiner Stammkneipe, der „Post“ sitzt und als im Radio Adolf Hitlers erste Rede als Reichskanzler übertragen wird. Horváth bittet die Bedienung, das Gerät auszuschalten, was sie tut. Im Hotel Post, in dem sich früher der Ratskeller befand, wurde die NSDAP-Ortsgruppe gegründet. 

Im Murnauer Tagblatt Staffelsee-Bote liest man später,  der Schriftsteller Horváth habe es nicht unterlassen können, durch Bemerkungen schlimmster Art herauszufordern und daß es zu einem Zwischenfall gekommen wäre, wenn ihn zwei SA-Leute nicht nach Hause gebracht hätten. Horváth verläßt Murnau. 1934 verkaufen seine Eltern das Haus.

Die SA hatte nach Adolf Hitlers „Machtergreifung“ 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsucht. Horváth verließ Deutschland und lebte die folgenden Jahre in Wien und in Henndorf am Wallersee bei Salzburg als eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer.

Die 2003 gegründete Ödön-von-Horváth-Gesellschaft pflegt sein kulturelles Erbe durch regelmäßige Veranstaltungen. Seit 2013 vergibt die Ödön-von-Horváth-Stiftung in dreijährigem Rhythmus den Ödön-von-Horváth-Preis.

Das Schloßmuseum Murnau zeigt seit 1993 die Dauerausstellung zu Horváth.
Seit einigen Wochen ist zudem im Gespräch, den neugestalteten Platz vor dem Kultur- und Tagungszentrum ( KTM ) nach ihm zu benennen.

Dieses ist an der Kreuzung Bahnhofstrasse/Postgasse/Kohlgruber Strasse/Burggraben gelegen.

 

Kultur- und Tagungszentrum in Murnau © Liz Collet

Das KTM hätte dann nach Ansicht der Ortspolitiker die Adresse Ödön von Horváth-Platz 1 (bislang: Kohlgruber Straße 1),

Altes Murnauer Postamt© Liz Collet,Postamt, Murnau, Postgebäude, Fassadenmalerei, Baudenkmal, Denkmalliste, Bayern, Oberbayern, Das Blaue Land, Künstlerort, Malerort, Satteldachbau, spitzbogiges Portal, teppengiebeliges Dach, Treppengiebel, historisierender Bau, historisierend, Architektur, Baujahr 1923 , Sehenswürdigkeit, Reise,

Altes Murnauer Postamt© Liz Collet

die alte Post Ödön von Horváth-Platz 2 (Bahnhofstraße 1).

Heutzutage wuchert man in Murnau (wie es viele Orte und Städte tun mit berühmten Personen der Kultur, Geschichte und Zeitgeschichte) politisch und kulturell mit dem Namen und Ruf Ödon von Horváths, ebenso wie dem von Gabriele Münter und der Künstler der Gruppe des Blauen Reiters. Das fällt auch leichter und ist bequemer, als die weniger bequeme Aufarbeitung der Geschichte, vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus. Beispiele wie die jahrelang mühsam diskutierte Umbenennung der Max-Dingler-Hauptschule selbst mit Namen von Mitgliedern der Gruppe der Weissen Rose geben zu denken.

Das war auch im Umgang mit Horváth nicht immer so und nicht erst mit den Nationalsozialisten und dem oben erwähnten Ereignissen. Schon vorher wollte man ihn nicht als ständigen Mitbürger  haben: Sein 1927 gestelltes Ansuchen um Einbürgerung und um die bayerische Staatsangehörigkeit wurde abgelehnt.

 

 

Horvaths Hut und die Muschel © Liz Collet

Advertisements

Eine Antwort zu “Morgens um 7 in Murnau und ein Termintipp für eine „Horváth-Führung“ in Murnau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s