Morgens um 7 in Murnau {und: worüber der Markt und der Einzelhandel nachdenken müssen}

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Sukkulenten © Liz Collet

Es gibt zur zwei Arten zu leben.
Entweder so als wäre nichts ein Wunder
oder so als wäre alles ein Wunder.

Albert Einstein

Hübsch sind sie ja anzusehen, die 3 kleinen Ableger der Sukkulenten. Die am letzten Samstag in meine Hände fielen und die inzwischen einen Platz in Gefässen und in der kleinen Lindenburg gefunden haben. Einer von ihnen ist dieser mit seinen leicht rosé-blaugrün-farbigen Blätter, die beiden grünen sind in den nachfolgenden Bildern zu sehen.

Schade allerdings, dass man nicht mal mehr in einem Blumenladen auf Nachfrage beim Kauf von solchen Sukkulenten und ihren lose und einzeln verkauften Ablegern (die dort dekorativ in Schalen, Väschen oder gar Bechern ohne Substrat offeriert und arrangiert werden) wenigstens eine „grobe“ Bestimmung der Art erfahren kann.

Wohlgemerkt nicht in einer der Pflanzenecken eines Supermarktes, sondern in einem Betrieb und Blumenladen, der mit eigener Fachkompetenz wie auch der seiner in Prüfungen sehr erfolgreichen Auszubildenden regelmässig als „Meisterflorist“ wirbt und in dem man eigentlich erhoffen dürfte, dass (nicht die Azubis, sondern) Fachpersonal oder Inhaber wüssten, was sie einkaufen und Kunden anbieten. Auch wenn es natürlich hunderte Einzelarten von Semperviva (natürliche und gezüchtete) geben mag:

DIE alle muss man als Fachpersonal im Blumenladen nicht kennen, diejenigen welche man aber selbst verkauft doch wohl schon. Bei einem Blumenfachhandel setzt man als Kunde voraus, dass dieser beim eigenen Einkauf der Pflanzen deren Artennamen weiss und auch einem Kunden benennen kann, schon deswegen, weil damit verbunden auch Pflanz- und Pflegehinweise einhergehen und unterschiedlich sind; angefangen bereits beim Unterschied, ob es sich um winterharte oder nicht winterharte Arten handle.

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Sukkulenten © Liz Collet

Ein blosses „die können Sie einfach ohne Substrat und ohne sie einzupflanzen so auf eine Schale legen und brauchen Sie eigentlich nur hin und wieder mit etwas Wasser anzusprühen“ ist für Fachpersonal einer Blumenhandlung eine Bankrotterklärung in puncto fachliche Beratung und Service für den Kunden, wenn ich ausdrücklich um Name der Art und Pflegehinweis (Standort, winterhart ja oder nein) bitte. Die Frage danach, ob die Pflanzen und wenn ja, wie diese blühen werden, kann man da schon längst getrost vergessen.

SO konkurriert man nicht mit Onlineversandhandel, den en solcher Blumenladen selbst seit einiger Zeit eingerichtet hat für Blumensträusse. SO konkurriert man noch weniger mit Onlineversandhandel, den es längst auch bei solchen Pflanzenarten wie Sukkulenten gibt und in dem genaue Pflanzennamen angegeben werden. SO punktet man auch nicht für lokalen Einzelhandel oder mit Fachkompetenz, die bei Floristik durchaus besteht. Und SO punktet man auch nicht bei durchaus gehobeneren Preisen, bei denen man mit Fachkompetenz, Fachpersonal, Ladenkosten u.a. wuchert – als Blumenfachhändler, der selbst mit im Marktgemeinderat die Konkurrenz- und Existenzfähigkeit des örtlichen Einzelhandels beklagt, auch im Kontext der Erweiterung der Fussgängerzone beispielsweise.

Warum also bei so wenig kompetentem Personal und Service bei Kundenberatung dort einkaufen und Preise zahlen, die man – eigentlich – bei Bestlage eines Einzelhändlers mitten im Ort und mitten in der Fussgängerzone verstehen und akzeptieren würde?

Murnau ist nicht der einzige Ort, der seit langem über die Belebung und Revitalisierung der Fussgängerzone debattiert.

Manche fürchten selbst bei blosser Verlängerung der bereits bestehenden Fussgängerzone bis in den Untermarkt unterhalb der am Rathaus baubedingt für den Autoverkehr gesperrten Schlossbergstrasse um ihre Existenzfähigkeit. Blosse Verlängerung von Ladenöffnungszeiten aber ändert daran nichts, wenn das Angebot des Einzelhandels und seiner Leistungen nicht besser überzeugt, als überörtliche Onlinekonkurrenz. Einer Verlängerung von Ladenöffnungszeiten bedarf es im Gegenteil nicht, wenn Leistungen und Qualität des Handels vielfältig genug sind und werden. Blosse Stimmungsbilder sind dabei untauglich, der Fokus auf Meinung der Einzelhändler allein geht am Bedarf und Interesse der eigentlich entscheidenden Zielgruppe vorbei: den Kunden.

Andere fürchten selbst bei Ansiedlung von Arztpraxen oder einer Apotheke auf dem Gelände des Kemmelparks um Verlust der Kundenfrequenz am Ober- und Untermarkt.

Kaum noch zu toppen ist die Absurdität von Hürden, die dem Eigentümer des kürzlich geschlossenen Autohauses Kern beim Bemühen um Vermietung seiner dortigen Gewerberäume zu setzen versucht werden, wenn man ihm eine blosse Gesamtflächenvermietung abverlangen will.

Denn: Was seit Jahren dem Markt Murnau trotz Wirtschaftsförderer offenbar nicht ausreichend gelingen will – Anwerbung und Ansiedlung von wenigstens mittleren, geschweige denn grösseren Unternehmen oder Gewerbe für Steuereinnahmen und Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft – soll einem einzelnen Grundstückseigentümer und Autohändler in überschaubar kurzer Zeit gelingen? Welches Gewerbe, welcher Handel käme da für eine Anmietung der Gesamtflächen in Frage? Darauf haben diejenigen, die das fordern, wenig überraschend keine Antwort parat.

Warum ihm nicht erlaubt sein soll, was man beim Projekt Innovationsquartier geradezu hochjubelt, auch darauf sucht man eine Antwort vergeblich. Steckt auch dahinter wie bei etwaigen Arztpraxen im Kemmelpark in Wahrheit nichts als die Angst, dass bei Vermietung von Teilen an einzelne Gewerbe oder Geschäfte Kundenfrequenz dorthin fliessen könnte? Die Frage muss man sich stellen, auch wenn manche Kunden fussläufige Erreichbarkeit von Läden, Handel, Gewerbe im Ort zu schätzen wissen. Sei es weil man keinen Pkw hat für Anfahrt oder Transport von Produkten und Waren oder aus anderen Gründen. Oder hat man Angst, dass Interessenten gar dann nicht mehr im Innovationsquartier Räume beziehen, sondern vielleicht als Mieter auf dem Areal des Autohauses Kern, das auch verkehrstechnisch ausgezeichnet erreichbar ist? Man darf sich wundern und muss daher die Einwände gegen Teilvermietungen des Areals beim Autohaus Kern kritisch hinterfragen.

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Sukkulenten © Liz Collet

Kunden aber lockt man in lokalen Einzelhandel in erster Linie durch Kompetenz, Fachberatung, Service, Freundlichkeit und Angebot und Angebotsbreite der Waren, Produkte, die nicht nur in Geschäften bummeln lassen, sondern auch Spass machen, DORT und nicht stattdessen oder danach online zu kaufen.

Solche Geschäfte gibt es durchaus auch hier, wie beispielsweise Haushaltswaren Paul. Noch. Denn den bis Ende letzten Jahres daneben geführten Eisenwaren Paul hat er bereits aufgegeben. Wer jetzt auch nur ein paar Dübel braucht, muss eben in den Gewerbepark in den Baumarkt. Wo es – en passant bemerkt – unweit gelegen einen Discounter für den Einkauf ohne Weg in die Fussgängerzone Murnaus und zudem auch manche Pflanzen gibt. Auch die einen oder anderen Sukkulententöpfe mit vielen Rosetten der Semperviva als mögliche Ableger für kaum mehr als 3 bis 4 Euro pro Topf. Da steht dann vielleicht auch nur Sempervivum drauf, aber von einem Baumarkt oder Bau- und Gartenmarkt erwartet man auch nur wenig mehr, als das. An Beschriftung auf dem Etikett und an floraler und botanischer Kompetenz.

Dass man als Kunde hingegen sogar bei Preisen für nur kleinere Ableger von 2 bis 2,50 Euro im sog. Blumenfachgeschäft, das mit Meisterprüfungskompetenz wirbt, darauf angewiesen ist, entweder im Internet und in Sukkulentenforen endlos zu googeln, um eine gekaufte Pflanze zu bestimmen, wo man zu nicht unerheblichem Teil bekanntlich auch unrichtige, weil von Laien veröffentlichten Namen und Bildern findet, ist keine Visitenkarte, die ein weiteres Mal zu einem Kauf bei selbigem lokalen Blumenhändler verleiten wird.

Wer kann und will schon beim Kauf von Pflanzen im Blumenfachhandel nachher Botaniker oder Botanische Gärten kontaktieren, um vielleicht doch noch zu erfahren, was er da für ein Pflanzerl hat und wie damit umgehen sollte, damit es ihm lange Freude macht, wächst und gedeiht?

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Sukkulenten © Liz Collet

In Günzburg hat man nicht nur erkannt, dass man etwas tun muss, um dem örtlichen und lokalem Einzel- und Fachhandel wieder so viel Charme zu verleihen, dass dieser nicht nur Kunden in die Geschäfte, sondern auch zum Kauf in selbigen verlockt – sei es direkt vor Ort oder sei es über eine eigenen gemeinsame lokale Onlineshopping-Platform, in der die örtlichen Einzelhändler sich zusammengetan haben.

Ein Modell, das dort wie in anderen Orten aber nur dann Boden gewinnen und wiedergewinnen kann, wenn Kunden auch von den Einzelhändlern selbst überzeugt und diesen gegenüber lokal“patriotisch“ loyaler sind oder wieder werden, als etwaigen konkurierrenden überregionalen oder internationalen Onlinemarktplätzen. Deren dann immer noch niedrigere Preise werden den Wettbewerb nur dann nicht und nicht länger für sich entscheiden, wenn andere Faktoren den Vorzug für den Bummel und Kauf in Geschäften wieder ERlebenswerter und liebenswürdiger, fachlich überzeugender und damit den Preis werter machen, als preiswertere Konkurrenten. Ob bei Sukkulenten. Oder anderen Dingen des alltäglichen und täglichen und auch nicht immer alltäglichen Bedarfs der Kundschaft.

Die – ganz nebenbei – auch mit Blick auf demographische Entwicklung und „Überalterung“ bei mangelndem und gutem lokalem Angebot dann eben zu anderen Anbietern und auf Onlinemarktplätze abwandert, der manches bequemer macht und nicht nur fussläufig, sondern mit wenigen Clicks erfüllt, was gesucht und gefragt ist.

Sonst ist es alles andere als ein Wunder, wenn nicht nur Dörfer, sondern auch der Einzelhandel peu à peu und schneller als ihm lieb ist dahinwelken, verblühen und ab- und aussterben.

Ni X für U ngut.

 

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