Frohe Pfingsten – und eine charmante Blüte der Medizin, des Handels und der Industriespionage

Das Äussere einer Pflanze
ist nur die Hälfte
der Wirklichkeit

Johann Wolfgang von Goethe

Pfingstrosen (Paeonia, Päonien) sind die einzige Pflanzengattung der Familie der Pfingstrosengewächse (Paeoniaceae), sie hat 32 Arten. Die Gattung Paeonia wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum erstveröffentlicht. Der botanische Gattungsname Paeonia geht zurück auf das griechische Wort „paionia“ und steht für Paian. Dieser soll nach griechischer Sage Pluton, den Gott der Unterwelt, nach der Verwundung durch Herakles im Krieg um Pylos geheilt haben.

Auch bei den altrömischen Dichtern findet sie Erwähnung. In Vergils 7. Gesang der Äneis wird von Göttin Artemis erzählt, die den von den Pferden seines Vaters getöteten Virbios mit Hilfe einer Pfingstrose wieder zum Leben erweckte.

Die chinesische Gartenkunst kultivierte Pfingstrosen schon seit mehr als tausend Jahren als Zierpflanze. Chinesische Gärtner züchteten aus der einst rot blühenden Art eine Vielfalt unterschiedlicher Sorten mit allen Blütenfarben. Ende des 18. Jahrhunderts brachten Europäer die ersten lebenden Pflanzen nach England.

Die Royal Horticultural Society sandte 1834 den Pflanzensammler Robert Fortune extra zum Erwerb weiterer Sorten nach China.

Den schottischen Botaniker und Forschungsreisenden Robert Fortune kann man aber auch als den ersten Industriespion der Geschichte ansehen, der auf einer weiteren Reise nach China, diesmal im Auftrag der East India Company, im 19. Jahrhundert eine andere Pflanze stahl: China, das sich damals dem Westen gegenüber abschottete, besaß das Monopol für eine von den Briten hochgeschätzte Ware: den Tee. Das British Empire entsandte daher Robert Fortune in das Reich der Mitte, um die begehrte Pflanze zu stehlen, die Geheimnisse der Teeherstellung zu ergründen und den Anbau in Indien zu ermöglichen. Denn die Britische Ostindien-Kompanie (East India Company, EIC), eine mächtige kapitalistische Handelsgesellschaft, war erpicht, das chinesische Monopol zu beenden und den Rohstoff für das begehrte Heißgetränk in Indien selbst zu produzieren.

Fortune verkleidete sich als Chinese und erkundete zwischen den beiden Opiumkriegen das Kaiserreich von den Hafenstädten Shanghai und Hongkong über abgelegene Klöster und Provinzdörfer bis zu den majestätischen Gebirgen Huang Shan und Wuyishan. Dabei entdeckte er nicht nur die schmackhaftesten Teesorten, sondern auch ein Land im gesellschaftlichen Umbruch. Dank seiner Ausdauer und Neugier konnten rund 20.000 hochwertige Teesträucher aus Zentralchina im Himalayagebiet angepflanzt werden.

Robert Fortunes Wirken begründete den modernen Teeanbau in Indien und setzte dem Monopol der Chinesen ein Ende. Dies wiederum beschleunigte Niedergang des Landes und führte schließlich zum Fall der letzten Kaiserdynastie. Ein anschauliches Exempel dafür, dass und warum Schutz gegen Industriespionage kultur- wie rechtsgeschichtlich und rechtlich eine der nicht wenig bedeutsamen Herausforderungen war und ist. In heutigen modernen Märkten von Handel und Industrie nicht weniger als zu Zeiten Fortunes.

Zwei der Arten im Mittelmeergebiet – die Korallen-Pfingstrose (Paeonia mascula) und die Gemeine Pfingstrose (Paeonia officinalis) – wurden im Mittelmeerraum bereits in der Antike gepflegt. Beide Arten standen in dem Ruf, Heilpflanzen zu sein. Benediktinermönche brachten die Gemeine Pfingstrose von jenseits der Alpen nach Mitteleuropa und kultivierten sie als Heilpflanze in Klöstern. Deswegen heisst die Gemeine Pfingstrose auch Benediktinerrose. Von den Klostergärten aus gelangte sie in die Bauerngärten, wo die anspruchslosen und langlebigen Pflanzen wegen ihrer Heilwirkung geschätzt wurden.

Die Pfingstrose war ein beliebtes Motiv bei Malern. Sie ist auf dem 1410 entstandenen Gemälde „Paradiesgärtlein“ abgebildet. Das Bild gehört heute zu einem der Hauptwerke im Besitz des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt. Die sogenannte „Marienblume“, wie man die Pfingstrose auch nannte, ist auf diesem Bild in der Mitte des unteren Bilddrittels abgebildet. Daneben liegt tot der kleine Drache, der das Unheil symbolisiert und damit das Gegenstück zu dieser Blume bildet, die das Heil symbolisiert.

Die Pfingstrose findet sich ebenso auf einem 1473 entstandenen Gemälde von Martin Schongauer, dem Bild Maria im Rosenhag, sowie auf dem Bild der Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald (1514–1516).

Im 16. Jahrhundert waren Pfingstrosen in den Gärten bereits weit verbreitet als sog. „Königsblume“.

Weitere Künstler, welche die Pfingstrose in Werken abbildeten sind Édouard Manet, Auguste Delacroix und Pierre-Auguste Renoir.

In Lorsch entstand anlässlich der 1250-Jahr-Feier der Abtei Lorsch und in Anbetracht des im Jahre 795 erschienenen Lorscher Arzneibuches 2014 ein öffentlicher Päoniengarten (Lorscher Pfingstrosenpark).

Derzeit sind dort etwa 140 verschiedene Pfingstrosensorten- und Arten gepflanzt und ausgeschildert. Der Garten ist zur Blütezeit ein Anziehungspunkt für Gäste aus nah und fern wird. Vorbild sind hier die Pfingstrosenparks im Fernen Osten (Japan, China).In der Stadt soll zudem ein alljährlich stattfindender Pfingstrosen-Markt eingerichtet werden.

Bereits Theophrast, Plinius und Dioskurides verweisen auf die medizinische Wirkung der Pfingstrose. Der Ruf der Heilkräftigkeit der Pfingstrosen hatte sich von der Antike bis ins 19. Jahrhundert erhalten, als die Droge Radix Paeoniae um das Jahr 1860 aus den Arzneibüchern gestrichen wurde. Im Mittelalter galt sie als wirksames Mittel gegen die Gicht, sie sollte bei Kinder- und Frauenkrankheiten helfen. Auch Hildegard von Bingen schrieb in ihrer Physica über die Pfingstrose.

„Die Paeonie (beonia, Dactylosa) ist feuerfarben und hat gute Wirkung. Sie hilft sowohl gegen die dreitägigen wie die viertägigen Fieber… Unt wenn ein Mensch den Verstand verliert, so als ob er nichts wüßte und gleichsam in Ekstase läge, tauche Päoniensamen in Honig und lege sie auf seine Zunge, so steigen die Kräfte der Päonie in sein Gehirn empor und erregen ihn, so dass er rasch seinen Verstand wiedererlangt … Aber nimm auch Päoniensamen und tauche sie in das Blut eines Blutegels und hülle dann die übelriechenden Samen in einen Teig aus Weizenmehl, und wenn jemand durch die Fallsucht zu Fall kommt, lege sie in seinen Mund, während er so daliegt, und tue dies, so oft er durch diese Krankheit zu Fall kommt, und endlich er geheilt werden.“

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die Pfingstrose als Mittel gegen Epilepsie eingesetzt. Die Volksmedizin verwendete auch den Rauch aus den Samen zur Behandlung von „Besessenen“. Die Volksmedizin kannte noch eine andere Verwendung der Pfingstrose: Ihre Samen wurden auf Ketten aufgereiht und zahnenden Kleinkindern zum Kauen gegeben. In Bayern nannte man die Samen deshalb auch Apolloniakörner – zu Ehren der Heiligen Apollonia, der Patronin der Zahnleidenden. In der Homöopathie wird Paeonia bei Hämorrhoiden und Analfissuren verwendet, deren Schmerzen nach dem Stuhlgang besonders lange anhalten.

In China werden Pfingstrosen (Sorte ‚Fen Dan Bai‘, Hybride von Paeonia ostii) großflächig zur Gewinnung des Mudan pi, einem wichtigen Stoff der chinesischen Heilkunst, angebaut. Auch in Europa importiert die Pharmaindustrie beträchtliche Mengen an Päonienwurzeln, die von Naturstandorten aus Ost-Europa und Vorderasien stammen.

In der christlichen Symbolsprache stehen Pfingstrosen für Reichtum, Heil, Heilung und Schönheit.

Bild: Pfingstrose Between Lights And Shades © Liz Collet

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