Kleiber beim Frühstücken an der Kottmüllerallee

Kleiber © Liz Collet

Kleiber © Liz Collet

Den Gesang des Kleibers, des Vogels des Jahres 2006 können Sie hier hören.

Ein Spaziergang, bei welchem man dem Kleiber begegnet und seinem Gesang und Rufen lauschen kann, das den Frühling kündet, ist zugleich auch einer in die Geschichte. Mit Kapiteln von Macht, Politik und Krieg. Im Mittelalter.Dazu gleich.

Mit 12 bis 15 Zentimetern vom Schnabelspitzerl bis zum Schwanzende ist er ungefähr so groß wie eine Kohlmeise. Er hat eine etwas kompaktere Gestalt mit einem relativ großen Kopf und einem langen spitzen Schnabel. Der ist ideal, um Insekten aus der Baumrinde holen zu können. Kleiber leben von Insekten, Spinnen und Samen. Jungvögel werden häufig mit Raupen gefüttert. Auch im Winterhalbjahr ernähren sich Kleiber von versteckten Spinnen und Insekten, vorwiegend aber von Baumsamen, wie Bucheckern und Haselnüssen. Sie öffnen diese durch kräftiges Hämmern mit dem Schnabel. Daher verwechseln viele das Geräusch oft mit dem eines Spechts.

Geschichtlich interessant ist auch die Bedeutung des Kleibers, der auch Eibensamen verbreitet, für DIE Waffe des Mittelalters und ihren Rohstoff: Eibenholz. Denn der englische Langbogen – dessen Pfeile bei der berühmten Bataille d’Azincourt, der Schlacht von Azincourt 1415 mit rund 180 km/h verschossen wurden – bestand komplett aus dem Holz des Nadelbaums mit den roten Beeren. Mindestens 10 Pfeile pro Minute mussten die englischen Langbogenschützen abschiessen können. Material, Form und Handhabung sind spannend sowohl aus dem Blickwinkel der Materialherkunft, der Rohstoffeignung, -Verarbeitung und -Verwendung, wie auch militärgeschichtlich und historisch.

Wie hübsch dagegen anzusehen der kleine Vogel, der unfreiwillig mit seinem Nahrungsverhalten nicht nur für den Bestand von Bäumen, Wald und Natur beiträgt und -trug, sondern einst auch zu dem, was der Mensch in seinem Macht- und Vernichtungsdrang nicht nur Natur und Tieren zufügt, sondern auch seinen Mitmenschen kriegerisch antat. Und – längst über Langholzbögen, Eibenwälder und -holz hinaus andere Waffen geschaffen – weiter zufügt.

Durch die Suche nach Eibensamen und Vorratshaltung – er klemmt Nüsse, Eicheln, Eibensamen u.a. in Ritzen von Baumrinden – sorgt der Kleiber seit jeher aktiv für die Verbreitung des für die meisten Tierarten giftigen Nadelbaums. Wo Eiben aus Mauern, Rinden oder anderen Stellen sprießen, dürfen Sie den Kleiber als „Gärtner“ vermuten.

Ein einmaliges Schatzkästchen, an dem der Kleiber seinen Anteil hat, finden Sie im „Paterzeller Eibenwald“ der Bayerischen Staatsforsten im Pfaffenwinkel, unweit von hier. Ein schon 1939 unter Naturschutz gestellter Eibenwald, der zu den ältesten Naturschutzgebieten Deutschlands zählt. Eigentlich begann der Naturschutz im Paterzeller Eibenwald aber schon 1913, als auf Betreiben des Weilheimer Artzes Dr. Fritz Kollmann der Eibenwald zum „Staatlichen Naturdenkmal“ erklärt wurde. Er ist zwar nicht rollstuhl- oder kinderwagentauglich, aber ein Erlebnis für Kinder.

Mit über 2000 älteren Eiben ist er einzigartig unter Deutschlands Wäldern. Ein Rundweg führt Sie einen Kilometer lang durch den Eibenwald. Auf zehn Klapptafeln können Sie mehr über diese seltene Baumart und ihren Lebensraum erfahren.
Für Besucher stehen ein Parkplatz direkt am Eibenwald und ein weiterer in Paterzell am Gasthof „Zum Eibenwald“ zur Verfügung. An den Parkplätzen finden Sie auch Faltblätter, mit denen Sie Ihr Wissen an den zehn Stationen weiter vertiefen können. Oder Sie buchen eine Führung.

Das Rückengefieder des Kleibers ist graublau gefärbt, die Unterseite dagegen hell bis rostbeige. Die Männchen lassen sich an den dunkel-rostbeigen Flanken von den Weibchen unterscheiden. Der lange schwarze Augenstreif grenzt den blaugrauen Kopf vom weißlichen Hals ab.

Kleiber © Liz Collet

Kleiber © Liz Collet

Der Kleiber als Vogel des Jahres 2006 mahnt an die Verantwortung für einen Lebensraum in Deutschland und Mitteleurope: die Rotbuchen- und Eichenwälder. Ich habe ihn in der Kottmüllerallee getroffen, die oberhalb des Münterhauses beginnt und von rund 100 Eichen gesäumt ist. Angelegt wurde die Kottmüllerallee etwa um 1870 auf Vorschlag von Emeran Kottmüller für die Gäste der neuentdeckten „Sommerfrische“ vom Verschönerungsverein. Emeran Kottmüller (1825 – 1905) war Inhaber der Pantl-Brauerei in Murnau, liberaler Reichtagsabgeordneter, Mitglied des Magistrats in Murnau und Vorsitzender des Verschönerungsvereins (1870 – 1890).

Der Kleiber gilt als eine der Stimmen des Waldes, die den Frühling ankündigen, selbst wenn er den Beginn oft weit vorverlegt.

Als ich ihn am Samstag morgens in der Kottmüllerallee auf dem Weg ins Murnauer Moos und die rund 4 Stunden dauernde Runde an diesem Tag entdeckte, hatte ich eigentlich nach jenem Kuckuck Ausschau gehalten, der während meines Weges frühmorgens anhaltend und wiederholt rufend zu hören, aber nicht zu entdecken war. SEHEN muss man ihn zwar nicht für die Meldung des ersten Kuckucks des jeweiligen Jahres, die Sie in Bayern z.B. HIER eintragen können. (Ähnliches gibt es auch in anderen Bundesländern), aber ihn sehen zu KÖNNEN, ist unabhängig davon immer wieder schön. Selbst wenn man kein Foto von ihm einfangen könnte. Eine Übersichtskarte über die Zahl der bereits jährlich eingetraenen gehörten Vögel gibt es für 2017 HIER.

Der Kleiber läuft (anders als der Baumläufer, der nur aufwärts läuft) sogar kopfüber den Baumstamm herunter und zeigt uns, dass der Wald lebt, lange bevor die ersten Blätter sprießen und der Frühling für den Menschen auch dadurch sichtbarer, wahrnehmbarer wird.

Der Kleiber (Sitta europaea) ist der einzige heimische Vertreter der Familie der Kleiber (Sittidae). Sein deutscher Name beschreibt die „handwerkliche“ Fähigkeit des Vogels, den Eingang der Bruthöhle durch „Kleibern“ (Kleben) von Lehmkügelchen zu verkleinern.

Kleiber © Liz Collet

Kleiber © Liz Collet

Nur die Männchen singen. Ihr Reviergesang ist vor allem die laute Pfeifstrophe „wi wi wi…“, die leicht zu erkennen ist und auch vom Beobachter leicht imitierbar ist. Der Gesang eines Männchens besteht aus einer Reihe von wenigen Pfeiflauten, von denen jeder in der Tonhöhe gleichmäßig sinkt („Abwärtspfeifen“). Daneben gibt es noch eine Trillerstrophe. Ein gedämpftes „sit“ oder „tuit“ dient als Verbindungslaut nahrungssuchender Partner. Das Singen ist von der Witterung, aber nicht von der Temperatur abhängig. Die Gesangsfrequenz verstärkt sich (auch bei großer Kälte) von Ende Dezember bis zum Frühjahr hin. Mit Brutbeginn wird der Kleiber sehr still. Nach dem Ausfliegen der Jungvögel sind wieder verschiedene Laute zu hören.

Kleiber © Liz Collet

Kleiber © Liz Collet

Der Kleiber bewohnt in erster Linie höhlenreiche Altholzbestände. Er bevorzugt strukturreiche, lichte Laub- und Laubmischwälder mit Bäumen, deren Rinde rau und für seine Nahrungssuche und das Einklemmen von Eicheln und anderem gut geeignet ist. Oft genügt schon ein kleiner Altholzbestand, der einen ausreichenden Vorrat an geeigneten Samen für die Ernährung im Winter bietet. In Wäldern werden strukturierte, lichte Bestände mit grobborkiger Rinde bevorzugt. Aber auch Feldgehölze, die nicht zu isoliert stehen, Baumhecken, Alleen, Parkanlagen, große Gärten und Obstgärten können besiedelt werden.

Kleiber © Liz Collet

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