Spaziergänge durch Murnau – Der Handel im Einzelnen

Feinkost © Liz Collet

Feinkost © Liz Collet

Oder genauer: Im Detail. Denn der Einzelhandel in Murnau hat ein paar charmante Details, die näherer Betrachtung verdienen. Besuch und Einkauf ohnehin, nicht nur am Markttag wöchentlich mittwochs, wenn es von Obermarkt bis Untermarkt von Kunden und Marktständen wimmelt und wuselt. Werfen wir also einen Blick auf „den Handel im Einzelnen“? 

Auf die kleinen, feinen Details, welche hier und da auch einen Blick in Geschichte und Geschichten der Läden werfen lassen, die bisweilen über Generationen hinweg am Markt bestehen und Bestand haben und sich über die Zeit hinweg zu halten und zu entfalten suchen. Nahezu 100 Jahre besteht bereits Feinkost Pöltl am Markt. Alte Fotos der Aussen- und Innenansicht mit wunderschönen Regalen und der seinerzeit üblichen und an Kolonialwarengeschäfte erinnernden Einrichtung des Ladens zeigt der derzeitige Inhaber des Geschäftes Florian Warnecke hier auf der Facebook-Page von Feinkost Pöltl. Ein Laden, in dem Sie heutzutage noch Wurstspezialitäten und Lebensmittel, aber auch Spirituosen erwerben können.

Auf einem der Fotos – der Aussenansicht – meint man eine Figur erkennen zu können über der Ladentüre, am Hauseck des Anwesens mit dem heutigen Feinkostladen Pöltl ist eine solche in der Mauer eingesetzt. Ein wenig mutet die Figur mit den ausladenden Hosen und dem roten Fes an wie eine Mischung aus der Bildmarke des österreichischen Unternehmens Julius Meinl AG und dem Sarotti-Mohr, der mit seiner orientalischen Bekleidung im Wandel der Zeit vom Mohr zum Magier wurde.

Jenes Unternehmen Julius Meinl war aus dem im Jahre 1862 von Julius Meinl I. in Wien (1. Bezirk, Fleischmarkt) gegründeten Geschäft entstanden, in dem anfangs nur grüne Kaffeebohnen, später auch frisch gerösteter Kaffee angeboten wurde. Ihr Markenzeichen war der von Joseph Binder entworfene Meinl-Mohr, ein schwarzer Kinderkopf mit hohem rotem Fes auf gelbem Grund, der aber 2004 überarbeitet wurde.  Das Logo, ähnlich wie der Mohr von Sarotti, hatte einen starken Wiedererkennungswert des Unternehmens und ist auf fast jedem Meinl-Produkt und Filialen dargestellt. Mit den Jahren unterlag der Meinl-Mohr verschiedenen Veränderungen, blieb aber lange in seiner Kernkomponente bestehen. 2004 überarbeitete der Designer Matteo Thun das Logo, indem er die schwarze Hautfarbe des Jungen entfernte und ihn aufrecht blicken ließ. 

Ob es der Firmensitz von Sarotti in der Mohrenstraße 10 war oder eine Anlehnung an Tausendundeine Nacht – im Jahre 1918 hatte SAROTTI erstmals mit dem SAROTTI Mohren als Markenzeichen geworben. Das war im Jahr des 50. Firmenjubiläums und die Markenfigur fand sich auf Verpackungen in Gestalt von drei Mohren mit Tablett. Diese Darstellung zählt zu der bekanntesten Werbestrategie der ausgehenden Kolonialzeit, in der die bildliche Werbung überhaupt im Entstehen war. Dabei erfreute sich bei vielen deutschen Firmen die Abbildungen von Afrikanern, die oftmals zwar für ihre Exotik bewundert wurden, aber auch immer als „Minderwertige“ und „Wilde“ gezeichnet wurden. Die Exotik sollte die deutsche Bevölkerung im Kaiserreich an ihre Kolonien erinnern, aber auch als Blickfang dienen, um die Kauflust zu steigern. Zwei Jahre später wurde der Grafiker Julius Gipkens damit beauftragt, ein neues Firmenlogo zu entwickeln; der Eintrag im Markenregister erfolgte 1922.

Der Sarotti-Mohr wurde in den 1960er Jahren durch Fernsehspots zu einer populären Werbefigur, mit der die Marke bis heute verbunden wird. Er wurde oft kritisiert als Figur eines Dieners in Gestalt einer rassistischen Stereotype.

Vor rund 12 Jahren wurden daher alle Produkte umfangreich neugestaltet, der Sarotti-Mohr wich dem „Sarotti-Magier der Sinne“. Statt eines Tabletts in der Hand wirft die Figur auf einer goldenen Mondsichel Sterne in die Luft, außerdem hat der Magier eine goldene Hautfarbe. Manchen mag auch das noch nicht wirklich zufriedenstellen. Mancher deutet aber auch vielleicht mutwillig mehr in bildliche Darstellungen, als der Sache angemessen und berechtigterweise zuträglich ist.

 

Feinkost © Liz Collet

Feinkost Pöltl © Liz Collet

Diese Figur am Hauseck des Feinkostwarengeschäfts Pöltl am Obermarkt 12 in Murnau, welche Sie im ersten Bild eingangs diesen Beitrags auch noch unten links erkennen können, erinnert wohl ähnlich an die Zeit der Kolonialwarenläden, in denen Kaffee, Kakao und Schokoladen eng miteinander und mit anderen Waren aus fernen Ländern verbunden waren und ebenso wie oder auch gemeinsam in besonderen Fachgeschäften als „Feinkost“   gehandelt wurden.

Zu den weiteren hübschen Dingen eines vielfältigen Einzelhandels, die Sie entdecken, wenn Sie ein bisschen Hans Guck-in-die-Luft spielend flanieren, aber in Fussgängerzonen von Städten und Orten nicht entdecken können, welche nur noch oder überwiegend von Filialen überall zu findenden Handelsketten geprägt sind, gehören traditionelle Ausleger, Ladenschilder.

Manche kunstvoll gearbeitet, kunsthandwerklich geschmiedet und gestaltet. Mit mehr als allein einem Namen des Ladeninhabers oder des Gegenstandes seines Handels, finde ich diejenigen besonders charmant, die mit aufgemalten Bildern oder Werken „bildender Kunst“ verbunden sind. Eines ist in Murnau besonders hübsch und lädt zu Gedankenspaziergängen ein, was es bei einen Feinkostwarenladen wohl auf sich haben könnte, wenn dort ein Segelschiff auf dem Ladenschild nachgerade thront.

Murnau liegt wie manche andere der Strassen hierzulande an einem Handelsweg, doch führten solche über Strassen, wie die Rottstrasse in Bad Bayersoien, an welche der Rottstein ebenso erinnert wie manche andere Spuren im dortigen Ort. Auch die Echelsbacher Brücke, jenes „Wunderwerk der Bautechnik“, das mehr als nur die Ammer überbrückt seit ihrem Bau und demnächst eine Teilerneuerung erfahren wird. Die Regierung von Oberbayern hat jetzt das Planfeststellungsverfahren für den Teilneubau der Echelsbacher Brücke eingeleitet. Ab kommender Woche liegen die Pläne zur Einsichtnahme für die Bevölkerung in Rottenbuch und weiteren Gemeinden – auch in auch in Bad Bayersoien – zur Einsichtnahme auf.

183 Meter lang ist die im Jahr 1929 für 900.000 Reichsmark Baukosten fertiggestellte Brücke, weöche mit ihren 130 Meter Bogenspannweite die weitestgespannte Melan-Bogenbrücke der Welt ist.

Die Fahrbahn liegt 76 Meter über Talgrund. Das hat ihr traurige Berühmtheit beschert durch die Zahl der Suizide, welchen man mit einer Erhöhung des Brückengeländers vor einigen Jahren zu begegnen versuchte, nur bedingt erfolgreich.

Im 2. Jahrhundert n. Chr. hatte  Kaiser Septimius Severus die bestehenden Saumpfade über den Brenner und den Seefelder Sattel zur befestigten Straße ausbauen lassen. Mit der neuen Via Raetia wurde die Verbindung über die Alpen im Vergleich zur bisherigen Via Claudia Augusta ansehnlich verringert. Zur Zeit Ludwigs IV. lief die Verbindung zwischen Landsberg am Lech und Partenkirchen nicht nur über Wessobrunn und Weilheim, sondern als Via Imperii auch über Schongau und Oberammergau. Dabei stellte bei Bad Bayersoien der Weg durch die Echelsbacher Schlucht einen der schwierigsten Teil der Route dar, der mit der wachsenden Bedeutung Augsburgs im 15. Jahrhundert für den Handel nach Lösungen verlangte.

Mit der Bedeutung dieser Handelswege entstand ein geregelter Fuhrbetrieb, die „Rott“.

Die „Ballenhäuser“ wie dasjenige in Schongau am Lech dienten der Lagerung der Frachten jeweil so lange, bis mehrere Fuhrleute zusammenkamen.  Unter sicherem Geleit konnten von ihnen dann die Waren in „Zügen“ oder „Rotten“ weitertransportiert werden.

1536 einigten sich die Klöster Rottenbuch und Ettal zusammen mit den Rottstellen Schongau und Ammergau  wegen der großen Gefahren und Schwierigkeiten die Straße durch die Ammerschlucht zu verlegen. Trotz enger Kehren auch dieser Strasse hatte sie Steigungen bis zu 20%. Die Bauern nahegelegener Gehöfte mussten nicht selten für Vorspanndienste zur Hilfe kommen. Unterschiedlich schwere Unfälle blieben dennoch nicht aus, bei heftigen Regengrüssen und im winterlichen Jahreszeitraum war die Strasse gar nicht befahrbar.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts suchte man dem Problem mit der Verringerung der Steigung an Gwefahrenstellen durch tiefere Geländeeinschnitte zu begegnen.

1890 wollte man eine Betonbrücke etwa 100 Meter südlich der jetzigen Position errichten, zur Jahrhundertwende wollte man lieber eine Eisenfachwerkbrücke.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde wie andernorts die Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung wichtig. So dachte man daran, die Wasserkraft der Ammer durch eine 62 Meter hohe Staumauer zu nutzen, auf der eine Straße geführt werden sollte. Zweck neben der Erzeugung von Elektrizität war eine Sicherung vor Ammerhochwassern und eine langsamere Verlandung der Ammerseeufer. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges setzte den Plänen ein Ende.

Erst zur Vorbereitung der Oberammergauer Passionsspiele 1930 forderte am 19. November 1924 das Bezirksamt Schongau die Gemeinden entlang der Ammerschlucht auf, sich für den Bau einer Hochbrücke über die Ammer auszusprechen, um die Verkehrslage im Ammertal zu verbessern. 1928 ließ die bayerische Staatsregierung einen öffentlichen Wettbewerb für den Bau einer Hochbrücke bei Echelsbach ausschreiben. Der Zuschlag ging an das Unternehmen Hochtief in Verbindung mit dem Ingenieurbüro Streck und Zenns aus München und dem Eisenwerk Kaiserslautern.

Am 8. November 1928 begann der Bau der Echelsbacher Brücke mit dem ersten von insgesamt 4712 Sprengschüssen. Als Konstruktion wurde das System der Melan-Spangeberg-Bauweise verwendet. 

3000 Kubikmeter Fels wurden ausgehoben, 850 Kilogramm Sprengstoff verbraucht, 3300 Kubikmeter Beton und 500 Tonnen Eisen (400 Tonnen Profilstahl und 100 Tonnen Betonstahl) verarbeitet sowie 87.000 Niete. Die meisten wurden unmittelbar an der Baustelle geschmiedet.

Die Einweihung der Echelsbacher Brücke fand am 27. April 1930 mit ihrer Weihung durch den Erzbischof von München und Freising Kardinal Michael von Faulhaber statt.

Der Zweigelenkbogen hat bei 130 m Stützweite einen Bogenstich von 31,8 m. Er besteht aus zwei Tragebenen mit rechteckigen Hohlquerschnitten bei einem lichten Abstand von 4,5 m. Die Querschnittsbreite beträgt jeweils 1,5 m, bei einer Höhe von 2,0 m im Bogenscheitel und 3,0 m im Widerlager. Der 10,76 m breite (seit 1984, ursprünglich 8,3 m) und 182,83 m lange Überbau ist ein zweistegiger Plattenbalken aus Stahlbeton. Die Balken sind in einem Abstand von 6,0 m angeordnet, haben vier Gerbergelenke und sind auf rechteckigen Stahlbetonstützen gelagert.

Im Inneren der Brückenbogen hat sich in den Jahrzehnten seit den 50er Jahren eine größere Fledermauskolonie von Großen Mausohren eingenistet, die je 6 Einfluglöcher im Nord- und Südbogen der Brucke nutzen. In Vorbereitung der für die 2010er-Jahre geplanten Brückensanierung wurde der Raum der Kolonie sukzessive auf Teile des südlichen Bogens beschränkt.

Nach der Sanierung sollen die Fledermäuse wieder den gesamten Brückenbogen nutzen. Die Brückenbögen sind als eigenständiges Natura 2000-Gebiet ausgewiesen, obwohl bereits die Brücke selbst in im 1959 ausgewiesenen Naturschutzgebiet Ammerschlucht an der Echelsbacher Brücke liegt.

Doch auch der Blick in die Geschichte dieser historischen Handelswege und der dabei zu überbrückenden Hürden, Täler und Steigungen und Witterungsschwierigkeiten beantwortet noch nicht die Frage, warum beim Pöltl über der Ladentüre des Feinkostwarenladens ausgerechnet ein Segelschiff zu sehen ist. Aus dem gleichen Grunde, warum lange die kleine Figur über der Ladentüre mit orientalischen Hosen, Fes auf dem Kopf, Papagei auf er Schulter und trommelnd, markttrommelnd gleichsam thronte und für Waren und Delikatessen und Feinkost warb? Waren, die teils auch von fern über Handelswege und sei es auch über Meere verschifft und importiert und von Häfen über Land weiter transportiert für Kunden dort angeboten wurden? Warenhandel war über Jahrhunderte auf See- wie Landwegen ein Abenteuer und abenteuerliches Risiko bisweilen, ob und wann und wie Waren ankamen, wenn sie Hürden überbrückten und nahmen. Ein Segelschiff ist ein hübsches Symbol für die weiten Wege und Reisen mancher Lebensmittel und Waren. Auch wenn im Trend der Zeit heute den regional erzeugten und gehandelten Waren und Lebensmitteln das höhere Lied gesungen werden mag. Doch was wären beispielsweise viele Feinkostgerichte und Lebensmittel ohne Aromen und Gewürze wie Pfeffer oder manche andere Zutaten? Und so hat ein Segelschiff vielleicht über der Ladentüre ganz einfach diese symbolische Bedeutung.

Und ganz besonders entzückt mein kindsköpfiges Gemüt der grüne Drache, welcher sich unter dem Segelschiff entlangstreckt. Soll er Feuer speien oder ist es eine rote Drachenzunge, die sich vorfreudig die Delikatessen an Bord des Zweimasters  und im Laden vom Pöltl vorstellt?

Vielleicht erzählt man  Ihnen aber auch eine ganz andere Geschichte, wenn Sie bei einer der Ortsführungen in Murnau danach fragen, was das Segelschiff bedeute. Oder Sie kaufen einfach mal beim Pöltl etwas Gutes ein und fragen bei der Gelegenheit direkt an der Quelle der Feinkost? Chissà………. wer weiss….?

Auch das gehört zu den hübschen kleinen Abenteuern, die man nicht beim Einkauf in Filialen von allerortens gleich zu findenden Handelsketten erlebt, sondern eben nur beim Flanieren und Schaufensterbummeln und Einkaufsbummeln solcher Geschäfte und ihrer Handelswaren, die es mit langer Geschichte und nicht überall gibt.

Viel Spass beim Bummeln und Flanieren und ………. beim Vergnügen der Entdeckung jener Dinge und Kleinigkeiten, die man sieht, wenn man ein bisschen in die Luft guggt und in den Himmel, dem im Blauen Land wie anderswo. Aber besonders eben in den im Blauen Land.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s