Christoph-Probst-Gedenktag und die Hürden der Aufarbeitung der Geschichte

Weisse Rose © Liz Collet

Weisse Rose © Liz Collet

Die Aufarbeitung des Nationalsozialmus im Alltag der Geschichte auch in der Marktgemeinde Murnau hat ihre Hürden. Die zeigt sich nicht nur in jahrelang anhaltenden Diskussionen um Namen und Umbenennung einer Schule . Oder um Gedenksteine im Murnauer Moos und rund um Naturschutz und die „Causa Max Dingler“, die seit langem diskutiert wird und „noch im ersten Halbjahr 2015“ geregelt sein sollte und die Person Max Dingler, der seinen historischen Platz im Naturschutz nicht nur auf der Website der Marktgemeinde Murnau unvermindert hat und auch nach dem Relaunch der Seite im Jahr 2015 einnimmt.

Die derzeit noch auf ihrer Website und dort auch im Impressum als „Mittelschule Murnau“ geführte Schule hat inzwischen am 22.1.2016 mitteilen können, dass ihre Umbenennung in „Christoph-Probst-Mittelschule Murnau am Staffelsee“ nun genehmigt worden sei und dieses Ereignis im Juli 2016 „gebührend feiern“ wolle.

Unabhängig davon, ob es einer Seligsprechung von Opfern des Dritten Reiches wirklich bedarf, um ihnen historische Gerechtigkeit und Anerkennung widerfahren zu lassen oder ob diese nach den Voraussetzungen für Seligsprechungen begründbar ist, zeigen Diskussionen dazu auch, dass es leichter, willkommener anmutet, die Geschichte der Opfer auch in der Aufarbeitung jener Zeit öffentlich zu machen, wenn diese „nur“ an einem Ort geboren wurden, wie Christoph Probst aber im Alter von 11 Jahren mit der Familie Anfang der 30-er Jahre weggezogen sind und dort also nicht ihren Lebensmittelpunkt hatten (siehe mehr dazu auch hier). Und deren Angehörige erst später vielleicht wieder am Ort lebten oder leben. Das macht es nicht weniger wichtig oder berechtigt, dieser zu gedenken. Aber es kann leichter erscheinen (wenn auch nicht immer sein), als die Schatten der Vergangenheit und derer aufzuarbeiten, die auf Täterseite oder der keinen Widerstand leistenden Bürger einen Platz in der Geschichte und auch eines Ortes hatten.

Man kann darüber nachdenken, ob die historische Aufarbeitung in grösseren Städten generell etwas leichter sein kann – wo sie selbst dort nicht leicht ist. In Städten, in denen nicht jeder jeden kennt. Während in kleineren Städten und Gemeinden die  Aufarbeitung von Dokumenten und Beteiligung namentlich darin genannter Vorfahren von Familien immer auch einhergeht mit dem Gefühl, selbst als Nachkommen eines mehr oder minder aktiv Beteiligten an historischen Geschehen noch mit am Pranger zu stehen und gestellt zu werden. In eine historische Sippenhaft genommen, wenn man so will, als wäre allein die Familienzugehörigkeit bereits ein Indiz oder Verdachtsgrund, womöglich ebenso erzogen oder geprägt zu sein. Es sei denn, man distanziere sich dann aktiv und öffentlich und in womöglich einer oder mehrerer oder immer wieder erforderlicher oder geforderter Erklärungen zu Geschehnissen, die man selbst nicht einmal erlebt hatte. Es ist weder jedermann’s Naturell, sich überhaupt oder zu historischen oder familiären Dingen oder Angehörigen äussern zu wollen, noch muss man das. Auch nicht dann, wenn man selbst diese Zeit und Geschehnisse und Beteiligung von Angehörigen, die man vielleicht nicht einmal mehr persönlich kennenlernte, verurteilt.

Es ist – so scheint es –  allemal leichter, sich als Nachkomme von verfolgten Familienangehörigen öffentlich zu äussern, über deren Geschichte und Handeln und Schicksal zu berichten, vielleicht daraus sogar ein persönliches und öffentliches Anliegen zu machen, denn als Angehöriger einer der Familien, in denen ein oder vielleicht mehrere Familienmitglieder sich mit dem Unrechtsregime arrangierten oder mehr als das taten. Es ist allemal leichter, öffentlich positive Resonanz zu erleben und zu erfahren, für den, der Schicksale von Opfern des Nationalsozialismus generell und in der eigenen Familie öffentlich macht (auch wenn er diese Familienmitglieder selbst vielleicht nicht einmal persönlich kannte und kennengelernt hatte) – weil er weniger bis kaum damit rechnen muss, für deren Handeln und Mitschuld an der Geschichte und dem Schicksal von Opfern in Kritik zu geraten oder genommen zu werden.

Angehörige und Nachkommen erleben daher die Aufarbeitung vor allem im kleineren gemeindlichen und gemeinschaftlichen Umfeld nicht nur schon allein durch die Rollenverteilung von „Tätern“ und „Opfern“ als Vorfahren generell unterschiedlich. Je kleiner eine Stadt oder Gemeinde ist, um so persönlicher sind die Erfahrungen und umso schärfer kann sich die Trennlinie – objektiv und subjektiv in Empfinden, Wahrnehmung und Reaktionen – zeichnen, die allzu leicht noch heutige Familienmitglieder und Nachkommen trennt. Die einen mit am Pranger stehend, die anderen im Licht der späten Anerkennung und Gedenkens.

Das macht vielleicht in gewissem Umfang erklärlich, warum manche Diskussionen und Aufarbeitung ihre Hürden hat, je nach Grösse auch von Orten. Wer sachliche Aufarbeitung historisch will, tut nicht nur gut daran, dies mit hoher fachlicher Kompetenz zu tun. Sondern auch gut daran, dies mit Fingerspitzengefühl auch für diese Aspekte und ohne Fingerzeig auf Familien im Ganzen und auch noch für Nachkommen zu tun, die keine Schuld an Geschehenem persönlich tragen und für die Zukunft und Gegenwart nicht mehr, aber auch nicht weniger Verantwortung haben, dass derlei nie wieder geschehen kann. Und dass jeder heute lebende Bürger ungeachtet Geschichte seiner Familie und deren Vorfahren diese Verantwortung zwar für sich persönlich trägt, aber jeder dies unterschiedlich tun wird und kann und darf. Nicht jeder öffentlich, aber vielleicht nicht minder aktiv da, wo es darauf ankommt, wenn heutige Ereignisse ihn und ihn persönlich vor die Frage stellen könnten, ob und wie er selbst sich verhalten wird. Wenn wieder Menschen verfolgt, diskriminiert, bedroht oder ausgegrenzt werden und Schlimmeres.

Jedes Jahr am 22. Februar gedenkt die Marktgemeinde Christoph Probst. Der in Murnau geborene Christoph Probst wurde aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und des von ihm verfassten siebten Flugblattes von den Nationalsozialisten in einem Schauprozess verurteilt und am 22. Februar 1943 hingerichtet.

Das Gedenken an Christoph Probst ist nur ein Mosaikstein bei der Aufarbeitung dieses geschichtlichen Kapitels des Marktes Murnau. Zu dieser Aufarbeitung gehört auch ein wissenschaftliches Projekt, das der Markt Murnau a. Staffelsee in Auftrag gegeben hat. Darüber hinaus widmete die Gemeinde vor Kurzem dem Widerstandskämpfer eine öffentliche Einrichtung: die Christoph-Probst-Mittelschule Murnau a. Staffelsee.

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