Sendlinger Mordweihnacht 1705 -2015 – Gedenkveranstaltung

© Liz Collet

Winterlichter am Canale mit Linden © Liz Collet

Am Donnerstag, 24. Dezember 2015, Heiligabend, 9.00 Uhr, nimmt nach Mitteilung der Bayerischen Staatsregierung Ministerpräsident Seehofer an der Gedenkfeier der Gebirgsschützen für die 1705 bei der „Sendlinger Mordweihnacht“ gefallenen Bauern und Schützen in 83666 Waakirchen, Schaftlacher Straße 7 teil. 

Die Gedenkfeier erinnert an den Aufstand der bayerischen Bevölkerung gegen die habsburgische Besatzung während des Spanischen Erbfolgekriegs.

Am Weihnachtstag 1705 wurden die Aufständischen im heutigen Münchner Stadtteil Sendling blutig niedergemetzelt.

Die Sendlinger Mordweihnacht wird gelegentlich auch Sendlinger Blutweihnacht oder Sendlinger Bauernschlacht genannt.
In der Nacht zum 25. Dezember 1705 wurden in Sendling bei München bayerische Aufständische von Truppen der Reichsarmee unter dem Oberbefehl des habsburgischen Kaisers Joseph I. besiegt und völlig aufgerieben. Die kaiserlichen Reichstruppen töteten dabei auch einen Teil der Aufständischen, die sich bereits ergeben und die Waffen niedergelegt hatten. Die Zahl der auf bayerischer Seite Getöteten kann man auf etwa 1100 beziffern, auf Seiten der Reichsarmee gab es etwa 40 Tote. Der Schlacht vorausgegangen war ein Versuch der Aufständischen, die Stadt München einzunehmen.

Von den Leichen der in der Sendlinger Mordweihnacht getöteten Aufständischen wurden auf dem alten Sendlinger Friedhof schätzungsweise ein- bis zweihundert und bis zu 800 auf dem alten südlichen Friedhof, dem früheren Pestfriedhof vor den Toren der Stadt begraben.

Die Besatzungspolitik Josephs I. , der das bayerische Oberland und die Residenzstadt München besetzen liess, die Steuern drastisch erhöhte und Truppen einquartierte und im Herbst 1705 im ganzen Kurfürstentum die Zwangsaushebung anordnete, waren Zündstoff für Rebellion. Die Soldaten der kaiserlichen Administrationen gingen bei der Rekrutierung und dem Eintreiben von Versorgungsleistungen rücksichtslos vor. Die Landbevölkerung litt darunter erheblich, verlor sie dadurch auch erhebliche Arbeitskraft.

Als Konsequenz kam es zu ersten Aufständen und Gewalttätigkeiten der von der Zwangsaushebung betroffenen Männer in der Oberpfalz, in Niederbayern und in der Gegend um Tölz.

Historische Worte wurden „Liaba bairisch sterbn, als kaiserlich verderbn“.

Es kam zu Befreiungen von Rekruten durch Aufständische und Einschreiten kaiserlicher Truppen  und weiteren Aufständen, die sich rasch ausbreiteten. Mit der Ausbreitung der Revolten übernahmen verstärkt Offiziere, Adlige, Beamte und Handwerker die Führung der Aufständischen und gaben den Umsturzbestrebungen das Ziel, die Rentämter Bayerns zu übernehmen. Zunächst wurde Burghausen belagert, das sich am 16. Dezember 1705 den Aufständischen ergab, genauso wie kurz darauf Braunau. Diese beiden Städte wurden damit zu den militärischen und politischen Zentren der Aufstandsbewegung. Hier entstand auch das erste demokratische Gebilde des neuzeitlichen Europa, die sogenannte Gmein der Bürger und Bauern bzw. das „Braunauer Parlament“.

Nach diesen beiden Niederlagen versuchten die kaiserlichen Besatzer in Waffenstillstandsverhandlungen mit den Aufständischen zu treten, die eine Delegation unter Freiherr Franz Bernhard von Prielmayr nach München entsandten. Währenddessen eroberten die Aufständischen die Stadt Schärding und unter Führung des Matthias Kraus die Stadt Kelheim.

Inzwischen führten in Anzing bei München die Verhandlungen zu einem zehntägigen Waffenstillstand.

Diese Zeit blieb bei den Aufständischen nicht ungenutzt. Matthias Ägidius Fuchs und Georg Sebastian Plinganser arbeiteten daran, die kaiserliche Besatzungsmacht aus München zu vertreiben. Im Norden Bayerns wollte man kaiserliche Soldaten durch Aufstände beschäftigten, im Südosten sollten die kaiserlichen Truppen umgangen werden und ein Sternmarsch nach München ziehen.  Unterstützt werden sollte alles durch die ehemalige Münchener Bürgerwehr die Revolutionäre innerhalb der Mauern Münchens. Alles sollte noch vor Ende des Waffenstillstandes erfolgen.  Die Münchener Verschwörer unter der Führung von Johann Jäger begannen umgehend mit den Vorbereitungen, während Fuchs die Aufständischen im Oberland mobilisierte.

Am 19. Dezember 1705 rief Fuchs im Tölzer Patent alle Oberländer dazu auf, sich zu bewaffnen und sich bis zum 22. Dezember im Kloster Schäftlarn zu versammeln.

In diesem Tölzer Patent wurde behauptet, dass die kurfürstlichen Prinzen, die noch in München lebten, nach Österreich entführt werden sollten, was Fuchs durch ein gefälschtes Schreiben zu belegen versuchte. Zudem behauptete er, der Kurfürst Max Emanuel würde den Aufstand mittragen und so bald wie möglich zu den Aufständischen stoßen. Das Tölzer Patent diente vor allem dazu, patriotische Gefühle anzusprechen und eventuelle Legitimitätsbedenken auszuräumen. Wo dieser Appell an die Heimatliebe und Untertanentreue zur Mobilisierung des Volkes nicht ausreichte, half man mit Druck und Zwang nach. So drohte Johann Christoph Kyrein, Bürgermeister von Tölz, seinen Bürgern mit dem Entzug der Bürgerrechte, sollten sie sich dem Aufstand verweigern; im gesamten Land wurden Bauern vor die schwere Wahl gestellt, entweder ihre Söhne und Knechte mit den aufständischen Truppen ziehen oder ihre Höfe in Schutt und Asche legen zu lassen.

Und so fand sich am 21. Dezember 1705  ein 2769 Mann starkes Fußvolk und etwa 300 Reiter mit völlig unzureichender Ausrüstung und Bewaffnung im Kloster Schäftlarn ein. Auch in München liefen letzte Vorbereitungen; Raketensignale sollten den Aufständischen außerhalb der Stadtmauern die Bereitschaft der Münchener anzeigen.

Doch in der Folge kam es zu Problemen:

Der Verbindungsmann zwischen Ober- und Unterland, der Anzinger Postmeister Franz Kaspar Hierner, erschien nicht zum vereinbarten Treffen in München. Damit war keine Verbindung zum Unterland mehr vorhanden. 

Der Anführer der Münchener Aufständischen, Jäger, der in München bereits durch die kaiserliche Administration überwacht wurde, musste sich zu den Oberländern absetzen. Einige Städte und Gemeinden, die bereits Unterstützung der Aufstände zugesichert hatten, widerriefen sie aus Angst vor Repressalien.

Am Heiligen Abend gegen Mittag begannen die Aufständischen ihren Marsch auf München. In Solln ereilte sie die Nachricht, dass die Münchener Verbündeten die geplanten Aktionen nicht mehr durchführen konnten, nachdem die kaiserlichen Besatzer ihre Truppen verstärkt hatten und Soldaten in der Stadt patrouillierten.

Rückzugswünsche wurden mit Gewalt unterdrückt, die Aufständischen sollten weiter auf München zumarschieren.

Schliesslich erreichte die Truppe der Aufständischen aus dem Oberland Sendling. Das Kommando nahm Quartier im örtlichen Wirtshaus, das Fussvolk musste in eisiger Winternacht im Freien verbringen. Die Unterländer standen währenddessen mit etwa 16.000 Mann bei Zorneding in der Nähe von Ebersberg, wo sie von kaiserlichen Truppen am Weitermarsch gehindert wurden. Die kaiserlichen Besatzer waren, angeblich durch Verrat des Starnberger Pflegers Johann Joseph Öttlinger, inzwischen längst über die geplante Aktion der Aufständischen im Bilde.

Die Oberländer teilten ihren Tross nun in drei Gruppen: Leicht- und Unbewaffnete sollten in Sendling bleiben, während die anderen beiden Gruppen sich vor Angertor und Rotem Turm postierten. Die Münchener Verbündeten sollten die Stadttore um 1 Uhr früh des 25. Dezembers öffnen. Doch das geschah nicht. Trotzdem gelang anfangs noch unter der Führung von Johann Georg Aberle die fast kampflose Eroberung des Roten Turms. Die Besatzer zogen sich auf das dahinterliegende, stärker befestigte und leichter zu verteidigende Isartor zurück. An diesem scheiterten dann die Aufständischen, wurden wieder hinter den Roten Turm zurückgedrängt, wo sie sich verbarrikadierten. Im Morgengrauen wurden die Rebellen aus Osten, von der stadtabgewandten Seite her, von kaiserlichen Truppen angegriffen und aufgerieben.

Einige Aufständische konnten sich nach Sendling durchschlagen, wo sie sich erneut verschanzten. Kurz darauf nahmen auch hier die kaiserlichen Truppen Aufstellung. Die aufständischen Oberländer ergaben sich und legten ihre Waffen nieder. Die kaiserlichen Offiziere gewährten nur scheinbar Pardon und ließen die entwaffneten Aufständischen an Ort und Stelle niedermetzeln.

Einige letzte Überlebende flüchteten auf den Friedhof der alten Pfarrkirche in Sendling in der Hoffnung, die kaiserlichen Truppen würden zumindest am Weihnachtstag den geweihten Bezirk achten und sie dort nicht töten. Doch auch hier kannten die Besatzer kein Pardon und töteten jeden. Sogar die Kirche wurde mehr oder weniger vollständig zerstört und Sendling geplündert. Als einer der letzten Verteidiger soll der sagenhafte „Schmied von Kochel“ gefallen sein. Nur wenigen Aufständischen gelang die Flucht.

Heute erinnern auf beiden Friedhöfen Denkmäler an die Opfer des bayerischen Aufstands.

Dazu gehört zum einen das klassizistische Denkmal auf dem alten Sendlinger Friedhof von 1830.

Für den Südfriedhof hatte der Mundartforscher Johann Andreas Schmeller 1818 erstmals angeregt, in Erinnerung an die Sendlinger Mordweihnacht ein Denkmal zu errichten. Dort befand sich in der Nähe der südlichen Friedhofsmauer ein großer, verwahrloster Grabhügel ohne Grabmal, unter dem nach der Überlieferung mehr als 500 Opfer der Bauernschlacht begraben sein sollten. Ein erster Entwurf für das Denkmal von Franz Schwanthaler dem Älteren wurde vom königlichen Hofarchitekten Friedrich von Gärtner überarbeitet. König Ludwig I. spendete eine 234 kg schwere Kanone, die zu einer sechzehneckigen Brunnenwanne umgearbeitet wurde. Am 1. November 1831 wurde das Denkmal unter großer Anteilnahme der Bevölkerung feierlich enthüllt.

Gegenüber der alten Kirche St. Margaret auf der anderen Seite der Lindwurmstraße steht ein Denkmal für den legendären Schmied von Kochel, der als letzter der Aufständischen gefallen sein soll. Über die Person des sagenhaften Schmieds von Kochel und ob und wer möglicherweise Vorbild für diese legendäre Figur gewesen sein könnte, gibt es verschiedene Theorien der Geschichtsforschung.

Das hindert manchen Gästeführer nicht, den Schmied von Kochel blumig ausgeschmückt in dramatischen Geschichten über den Marsch nach München als Helden neben den anderen Aufständischen zu schildern, in denen es um mörderischen Verrat aus eigenen Reihen an die Österreicher geht. Literarisch wird der Schmied von Kochel zu dieser Zeit als über 70-jähriger Mann von großer Statur und Kraft beschrieben. Für den Aufstand soll er sich eine über einen Zentner schwere, mit Nägeln gespickte Keule gefertigt haben

Gleich, ob es ihn wirklich gab und wer hinter der legendären Figur real Vorbild gewesen sein mag, steht er symbolhaft in Heimatstücken und Inszenierungen ebenso lebendig auf der Bühne wie als Denkmal symbolisch für den historischen Aufstand und die Sendlinger Mordweihnacht als solche.

Initiiert hatte das Monument mit Brunnen 1904 der Archivrat Ernst von Destouches, die Grundsteinlegung erfolgte 1905 bei der 200-Jahr-Gedenkfeier in Anwesenheit des Prinzregenten Luitpold. Die Plastik wurde von Carl Ebbinghaus gestaltet, die Architektur von Carl Sattler. Eingeweiht wurde das fertiggestellte Denkmal 1911.

Ein weiteres Denkmal für den Schmied von Kochel steht auf dem Dorfplatz von Kochel am See, eine überlebensgroße Gusseisen-Statue auf einem Felsbrockenfundament. Das Denkmal wurde von Anton Kaindl geschaffen und am 27. Mai 1900 eingeweiht. Anlässlich des 200. Jahrestags wurde am 20. August 1905 in Waakirchen das Oberländerdenkmal enthüllt.

Bis heute finden alljährlich im Dezember an verschiedenen Orten (u. a. in München-Sendling, Bad Tölz, Kochel und Waakirchen) Gedenkveranstaltungen zur Sendlinger Mordweihnacht statt. 2005 erinnerten zum dreihundertsten Jahrestag der Mordweihnacht eine große Zahl von Veranstaltungen an vielen mit dem Aufstand zusammenhängenden Orten an die Ereignisse.

Dies und Details zum Geschehen und Ablauf HIER.

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