Oberammergau – ein Dorf im Nationalsozialismus: Sonderausstellung anlässlich 70 Jahre Kriegsende

Oberammergauer Holzschnitzerei © Liz Collet

Oberammergauer Holzschnitzerei © Liz Collet

Die Entwicklung Oberammergaus im Dritten Reich wird in vielerlei Hinsicht als exemplarisch bezeichnet und zugleich mit typischen Besonderheiten verknüpft. Eine seit 4. April 2015 zu sehende Sonderausstellung im Oberammergaumuseum will zeigen, wie die nationalsozialistische Politik das politische, wirtschaftliche und soziale Leben in dem oberbayerischen, katholischen Dorf veränderte und zunehmend vereinnahmte. 

Ins Oberammergaumuseum gelangt man von der Dorfstraße aus durch eine schwere grüne Tür und findet sich unvermutet in einem hellen, hohem Kapellenraum wieder. Dort verbinden sich moderne Stahl- und Glaskonstruktionen mit einem Deckengewölbe, alten Rundbogenfenstern und hölzernen Treppengeländern zu einem interessanten architektonischen Miteinander, dessen Ambiete Gegenwart und Vergangenheit verknüpft.  Ein Teil des Gebäudes ist mehr als 100 Jahre alt.

Oberammergauer Holzschnitzerei © Liz Collet

Oberammergauer Holzschnitzerei © Liz Collet

Der Oberammergauer Schnitzwarenverleger Guido Lang hatte 1905 den Münchner Architekten Franz Zell mit  der Errichtung und Ausgestaltung des Museumsgebäudes beauftragt. 1910 wird dann das Oberammergaumuseum als „Verleger Lang´sches kunst- und kulturgeschichtliches Oberammergauer Museum“ eröffnet.

Oberammergauer Holzschnitzerei © Liz Collet

Oberammergauer Holzschnitzerei © Liz Collet

Der heutige Eingangsraum war nicht nur durch die Einrichtung, sondern auch architektonisch als Kapelle gestaltet worden. Ab 1920 stand er auch der kleinen protestantischen Ortsgemeinde für Gottesdienste zur Verfügung. 1953 erwarb die Gemeinde das Ensemble und erweiterte in der Folgezeit die Sammlungen. Nach einer grundlegenden Sanierung präsentieren sich die Ausstellungen seit 2004 mit einem neuen Konzept.

Zum Thema der aktuellen Sonderausstellung:

Schon 1929 wurde in Oberammergau eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet. Zusammen mit Gemeindearchivarin Katharina Waldhauser hat Museumsleiterin Constanze Werner die Vergangenheit des Herrgottschnitzerdorfes von 1933 bis Kriegsende zusammengestellt.

Anfangs waren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Aufrüstung prägend für Oberammergau mit den umfangreichen Bauprogrammen, zu denen die Ammerregulierung, der Siedlungsbau in St. Gregor und der Kasernenbau zählten, mit dem Oberammergau dann auch zum Wehrmachtsstandort wurde.

Zunehmend bestimmten Mechanismen der Unterdrückung und Zwänge zur Anpassung das Leben Oberammergaus. Hierzu zählen nach der Schilderung der Ausstellung auch die Versuche, schon in der Vorbereitungsphase die Jubiläumspassionsspiele 1934 (300 Jahre) für die nationalsozialistische Ideologie zu vereinnahmen, die in einem propagandistisch inszenierten Besuch Adolf Hitlers im August 1934 gipfelten.
Seit 1935 wurde die „Arisierung“ des Fremdenverkehrs sowie die Diskriminierung und schließlich Vertreibung der jüdischen Bevölkerung hier wie im übrigen Landkreis betrieben. Kirchlich oder weltlich motivierten Widerstand folgten Restriktionen.

Mit dem beginnenden Krieg veränderte sich die Bevölkerungsstruktur noch einmal grundlegend, die durch auswärtige Bauarbeiter und Wehrmachtssoldaten bereits eine Wandlung gefunden hatte: Nun kamen Zwangsarbeiter, Evakuierte und Rückwanderer hinzu.

Im Mai 1940 trafen z.B. rund 200 vorwiegend ältere Südtiroler Umsiedler ein, die Italien verlassen mussten. Sie lebten in Oberammergau unter lagerähnlichen Bedingungen. Oberammergau war auch Ort des Arbeitskräfteeinsatzes von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, zuerst in der Land- und Forstwirtschaft, dann aber auch im Stollenbau und der Rüstungsproduktion. 1943 wurden Fertigungsstätten des Flugzeugherstellers Messerschmitt hierher verlagert. Die Interessen des kriegswichtigen Rüstungsbetriebs bestimmten bald die Dorfpolitik und vereinnahmten die knappen Ressourcen. Insgesamt waren in Oberammergau neun Rüstungsbetriebe angesiedelt, die Firma Osram etwa hatte ein Lampenlager im Passionstheater. Gegen Kriegsende kam sogar Wernher von Braun mit 400 Technikern und Raketenfachleuten nach Oberammergau.

Das Kriegsende und die Übergabe des Dorfes durch den 2. Bürgermeister Alfred Bierling und Melchior Breitsamter an die Amerikaner verlief weitgehend friedlich. Militär und SS waren bereits abgezogen und Oberammergau hatte sich mit der Wehrmachtskommandatur in Garmisch geeinigt, dass eine Verteidigung nicht stattfinden sollte. Bei dem sinnlosen Unterfangen junger Offiziersschüler am hinteren Ortsausgang Oberammergaus eine Panzersperre gegen die US-Amerikaner zu verteidigen, fanden dennoch sieben Menschen den Tod.
Für Besucher der Sonderausstellung finden sich diese Geschehnisse dokumentiert in Photographien, Dokumenten, Filmaufnahmen und Zeitzeugeninterviews und besonders auch in den von Oberammergauern geschnitzten Exponaten dieser Zeit. 1934 wurden in der größten Verlagswerkstatt Gg. Lang sel. Erben noch v.a. Krippen-, Heiligenfiguren und Passionssouvenirs geschnitzt, seit 1940 wurden dann aber mehr und mehr Arm- und Beinprothesen hergestellt. Anfangs prägte noch der NS-Stil die Anpassung an die veränderte Nachfrage und die Glorifizierung des Soldatentums das Schnitzhandwerk, dann manifestierten sich vor allem die Erfahrung von Krieg, Gefangenschaft, sowie persönliches Leid im geschnitzten Holz.

Die Sonderausstellung wird ergänzt durch Vorträge und Veranstaltungen zu einzelnen Themen:

  • Oberammergau und das Kriegsende 1945, Vortrag von Ludwig Utschneider;  er unterrichtet Deutsch und Geschichte an der Erzbischöflichen Realschule Schlehdorf und ist der Verfasser des Buches Oberammergau im Dritten Reich – 1933-1945, Mittwoch 29.4.2015, 20.00 Uhr Oberammergau Museum
  • Südtiroler Umsiedler im Deutschen Reich und die Situation in Oberammergau, Vortrag von Stefan Lechner, Südtiroler Landesarchiv Bozen, Freitag 9.10.2015, 19.30 Uhr, Oberammergau Museum

Dies und weitere Details und Informationen zur Sonderausstellung von Archiv und Museum anlässlich 70 Jahre Kriegsende: Das Dorf im Nationalsozialismus, 4.4. – 8.11.2015

 
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