Unter den Linden – Geschichte und Geschichten

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Bei diesen drei Worten denken viele reflexartig an jene Prachtstrasse in Berlin, welche durch die Dorotheenstadt und den Friedrichswerder im Ortsteil Mitte verläuft. Vom Pariser Platz an der Ostseite des Brandenburger Tors, wo sich auch der Neubau der Akademie der Künste und das bekannte Hotel Adlon befinden, über rund anderthalb Kilometer in östlicher Richtung bis zur Schloßbrücke führt sie und bildet auch die Verbindung zur Museumsinsel und dem östlichen Zentrum Berlins und dort mit dem Fernsehturm. Sie ist eine der zentralen Verkehrsachsen im Zentrum Berlins und verbindet zahlreiche wichtige Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten miteinander. Und sie gehörte – natürlich – zu den ersten Impressionen, die ich von Berlin bekam, als ich erstmals 1995 dort hin flog, als Gast und auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Medizinrecht. Dass ich in einem hübschen Hotel zwischen Charité , Brandenburger Tor und der Spree logieren durfte, gab Gelegenheit zu Spaziergängen am frühen Morgen und Abend ausserhalb der Termine und damit auch Unter den Linden.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden, das klingt auch nach Romantik, nach Frühlingsdüften, nach einer fast schon vergangenen, ganz anderen Zeit. In der noch Kutschen und Droschken unterwegs waren, nach Gaslaternen und nach wilden 20ern und der Musik, die in diesen und in den folgenden Jahren Berlin zum Anziehungspunkt für viele Künstler machte.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Für jemanden, der wie ich Linden liebt, jedes Mal eine der kleinen Freuden auch in den Jahren danach, wann immer ich beruflich in Berlin zu tun hatte und das war einige Male, sei es als Prozessanwältin oder als Beirat von Fachgesellschaften oder für Kongresse. Ich gestehe, ich habe wann immer möglich und für Termine und An/Abreise praktikabel, mir eines der Hotels nahe den Linden gesucht.

Eindrücke kann man hier in aktuellen Fotos vom Boulevard Unter den Linden gewinnen. Und hübsch sind auch die Historischen Bilder Unter den Linden /Friedrichstraße

Über die Geschichte der Prachtstrasse dort findet sich natürlich auch hier einiges zu lesen.

Freiberufler müssen sich ihre kleinen Zeit- und Genussinseln suchen, der Job ist eben keiner von Nine to Five. Meine Lebenseinstellung auch nicht. Das heisst aber nicht, dass man nicht auf sich und auf die kleinen Pausen Wert legen sollte, in denen jeder mal Luft holen muss. Pflichtbewusste Menschlein wie meinereiner müssen sich das hart antrainieren, auch mal für sich Pausen zu nehmen. Nicht nur für andere solche selbstverständlich anzusehen. Und dass man sich Zeit nicht nur gut einteilen kann, sondern auch für sich nehmen muss.

Ich kann das gut am Wasser. Auf dem Wasser auch. Meer geht dazu ebenso wie Seen oder Flüsse. Berge auch, die liegen aber selten praktisch zwischen zwei Kongress- oder anderen Terminen, jedenfalls nicht in überschaubarem Zeitaufwand dafür. Und in Parks, im Wald, unter Alleebäumen, unter Bäumen oder in Gärten, botanischen und anderen kann ich das auch gut.

Das Büro am Nymphenburger Kanal vis-à-vis vom Hubertusbrunnen und unweit von Schloss und Botanischem Garten war für mich persönlich vorzugswürdiger als das Bistro oder andere In-Treffs von Anwälten oder anderen Bürotigern zum Mittagstisch, um in der Mittagspause aufzutanken. Und nicht alleine ich………………. so mancher Moment gehörte unter Linden den Menschen dort………..mehr oder weniger allein. Sola. Oder auch auch nicht. Sehen Sie nur genau hin……..

Sola? © Liz Collet

Sola? © Liz Collet

Auch dort südlich wie nördlich des Schlosskanals Linden, die diesen säumten und zum Verweilen unter ihren Blüten, Laub und Lindenkapern einluden, zum Lauf, Radfahren oder Spazierengehen

Winterlichter am Canale mit Linden

Winterlichter am Canale mit Linden

 und winters sogar unter laubfreien Bäumen zum Eislaufen auf dem zugefrorenem Kanal. Und Sylvesternacht säumten ungezählte Liebhaber des Canale ihn, um gemeinsam auf das Glück und einen Frieden im neuen Jahr zu hoffen und miteinander Gläser klingen zu lassen. Unter den Linden…………….lebt der Mensch durch Jahr und Tag und jede Jahres- und jede Zeit. Auch wenn sie ihn lang überdauern.

Und er sie nur geniessen kann, so lang er unter ihnen weilen, verweilen und eine Weile flanieren kann.

So halte ich es auch unterwegs sehr gern bei Terminen: Wenn möglich raus, frische Luft, spazierengehen. Unter die Linden, ob in Berlin ….oder sonst.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Einer meiner Lieblingsbäume ist die weithin bekannte Tassilo-Linde, die – sagt man – weit über 1000 Jahre auf dem Buckel, pardon unter der Rinde der Linde und an Jahresringen aufzuweisen hat. Als Kind durfte ich sie erstmals bei einer der Fahrten mit meinen Grosseltern sehen – einer der besonders faszinierenden Bäume solchen Alters. Sie ist eine Winter-Linde und steht an der Klostermauer in Wessobrunn, Oberbayern. Ihren Namen verdankt sie dem bayerischen Herzog Tassilo III., dem letzten bayerischem Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger und ein Vetter Karls des Großen. Er soll der Legende nach unter der Linde einen Traum gehabt haben, der ihn veranlasste, das Kloster Wessobrunn zu gründen.

Er war im Jahr 753 auf der Jagd dort und musste eine Nacht im Rotwald, dem Rotter Wald, verbringen. Im Traum sah er der Legende nach eine Quelle, deren Wasser in vier Richtungen floss, und von der aus eine Leiter zum Himmel führte, an der Engel auf- und niederstiegen. Am oberen Ende der Leiter stand Petrus und sang ein Offizium. Anderntags ließ Tassilo nach der Quelle suchen, bis sein Jagdgefährte Wezzo Quellen in Kreuzesform fand. Der Herzog verstand seinen Traum als himmlische Weisung und ließ an der Stelle der Quellen das Kloster zu Ehren von Petrus errichten. Historisch gilt eine andere Gründungsgeschichte des Klosters heute als wahrscheinlicher, doch den Baum gibt es und die Geschichte ist hübsch wie viele Legenden.

Die Linde hat einen Umfang von rund 14 Metern, sie hat eine Höhe von mehr als  25 Metern und die Baumkrone hat einen stattlichen Durchmesser von 27 Metern.

Ein anderer meiner Lieblingsbäume ist natürlich die Blutbuche in Benediktbeuren, die dort im Kloster steht. Auch schon seit rund 280 Jahren.

© Liz Collet

© Liz Collet

Aber schon zu Schulzeiten liebte ich auch die Bäume im Münchner Luitpoldpark, in dem ich nicht nur viel Zeit als Kind mit meinen Münchner Grosseltern und Eltern verbrachte, als wir noch in Schwabing lebten, sondern auch während der Zeit am Willi-Graf-Gymnasium. Morgens ging ich oft vor der Schule noch einen Umweg von der U-Bahn-Haltestelle in den Luitpoldpark und manche Pause stahl ich mich ebenfalls hinüber – ein Katzensprung vom Ausgang an der Borschtallee, die Schulgelände und Park einzig trennte. Was natürlich streng verboten war. Verlassen des Schulgeländes während der Pause. Oder des Unterrichts, natürlich auch.

Rasant durch den Luitpoldpark © Liz Collet

Rasant durch den Luitpoldpark © Liz Collet

Die Entstehung des Parks geht auf ein Geburtstagsgeschenk an den bayerischen Prinzregenten Luitpold zurück. Im Jahre 1911 wurde eben jener 90 Jahre alt und man pflanzte ihm zu Ehren passend dazu 90 Linden. Um diesen Hain entstand dann der 33 Hektar große öffentliche Park. Nach dem Zweiten Weltkrieg häufte man im Nordteil des Parks einen 37 Meter hohen Schuttberg aus den zerbombten Überresten der Stadt auf, auf dessen Gipfel seit 1958 ein Bronzekreuz an die Opfer der Bombenangriffe erinnert.

Doch haben die verschiedenen Baumarten nicht nur als Solitair und wenn sie schon lange stehend die Zeiten überstehen konnten oder in Alleen besonders reizvollen Anblick zum Flanieren einladend bieten, ihre jeweils eigene Faszination. Und Bedeutung.

Und so können es für mich zum „Luftholen“ wenn nicht Linden, natürlich auch andere Bäume und grüne Inseln sein.

Nur – Linden haben mehr als allein die Bedeutung als besonders hübsche und wohlduftende Alleebäume. Nicht nur haben sie zudem wohltuende medizinische Wirkung, wie als Tee, die praktisch jeder kennt.

Sie haben auch eine lange Tradition als Mitteplunkt dörflichen Lebens als Bäume, unter denen Tanz und Feste stattfanden und den Linden den Namen der Tanzlinde gaben und – weil Tanz auch die besten Gelegenheiten für die Brautschau waren – auch der letzteren dienten. Eine der Tanzlinden ist etwa jene im oberfränkischen Effeltrich.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Eines meiner Lieblingsgedichte und -lieder kennen die meisten – auch wenn leider immer weniger den Text noch ganz und weiter als bis nach der ersten Strophe zusammenbringen, die Melodie kennen beinahe alle.

Sie waren auch Orte dörflicher Gerichtsbarkeit. Den Germanen galt sie als heiliger Baum. Auf das germanische Thing, die altgermanische Gerichtsversammlung geht letztlich auch eben die dörfliche Gerichtsbarkeit früherer Zeiten zurück. Eine eigene Thingordnung regelte, wann und wo die Versammlungen stattfanden und wer zur Teilnahme berechtigt war. Mit der Eröffnung der Versammlung wurde der Thingfriede ausgerufen. Schon bei Tacitus wird in seiner  Germania  der Ablauf eines Things geschildert.

Auch später galten Linden als Symbol des Friedens, so wurden nach Kriegen, manchmal auch nach Pestzeiten Friedenslinden gepflanzt. Viele alte und erhaltene Lindenbäume gedenken etwa an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, einige sogar an den Westfälischen Frieden, wie etwa die „Friedenslinde am Dreierhäuschen“ im thüringischen Ponitz oder an lokale kriegerische Ereignisse wie die Zerstörung Ratzeburgs. Oder sollen aus der Zeit des 30-jährigen Krieges stammen, wie die Linde in Maulbronn, die unlängst Kummer bereitete.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Auch Murnau hat seine Linde. Vier an der Zahl, um genau zu sein. Sicher mehr als nur vier. Die vier aber, welche ich nun meine, stehen an einem besonderen Ort.

Und die haben im Laufe der Geschichte Historisches erlebt. Wo sie stehen, befand sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts der Gerichtsplatz und 1322 verkündete Kaiser Ludwig der Bayer dort das Marktrecht für Murnau und rief den „kaiserlich gefreiten Markt Murnau“ aus. Zwar fiel 1330 die Gerichtsbarkeit an das neu gegründete Kloster Ettal. Aber die Linden stehen noch immer hier. Ein Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter Gottes wurde später dort aufgestellt, von der es 1821 hiess, sie habe die Augen gewendet und geweint. Seit 1824 befindet sich ihre Statue in der Maria-Hilf-Kirche in Murnau.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Es ist ein schöner Platz dort unter den vier Linden, unter denen eine Bank einlädt, die Aussicht in die Krone nach oben und auf Sankt Nikolaus und bis hinüber zum Ettaler Mandl zu geniessen.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Unweit des Platzes steht die Lindenburg, ein Haus mit einer eigenen Geschichte. Aber von dieser plaudere ich ein anderes Mal, dachte ich mir. Während ich so unter den Linden sass. Nach oben guggte. Und rundherum. Die Füsse baumeln liess von meiner Holzbank, die da so verwittert steht. Und mich und Lindenkapern zum Fallenlassen und Niedersitzen verführt. Wo ehedem mal  vielleicht auch Recht gesprochen, in jedem Falle aber Gerichtsbarkeit gehalten worden ist.

Unter den Linden © Liz Collet

Unter den Linden © Liz Collet

Und irgendwie vergnügt schlich sich dabei der Gedanke ein, dass es für eine §§-Zwirblern wahrhaft keine der unpassendsten Ecken ist. Unter den Linden. Nahe historischem Ort einer Gerichtsstätte. Und für eine Burg. Um vergnügt die Seele und die Füsse baumeln zu lassen. An dieser Stelle wird ja – nach meinem bisherigen Wissen, aber die Recherche ist noch nicht fini – keines Menschen Seele oder auch ihre irdische Hülle zum Baumeln aufgeknüpft worden sein. Galgen stand hier wohl keiner.

Da lässt sich vergnüglich Ausschau halten. Und nach oben wie nach vorne guggen. N’est-ce pas?

Und wenn Sie dieser Tage nach oben und so rundherum guggen, dann wird manchem vielleicht a bisserl wehmütig zumute, wo schon die ersten bunten Blätter s’Herbstln spürbar machen. Zu schnell der Sommer vorbei? Wo blieben dann aber die erntereifen Früchte? Auf die man sich schon freut? Zwetschgen etwa, die sind für mich und waren immer schon Herbstobst. Und wenn der Datschi auf dem Kuchentisch Einzug hält, reiften auch Haselnuss, Holunderbeeren und herrliches Herbstgemüse bereits. Er liegt schon in der Luft, der September, im August halt, diesmal. Irgendwie. Machen Sie das Beste daraus, aus jedem dieser Tage. Sommerlich, herbstlich, genüsslich.

Bis demnächst und derweil – ein schönes Wochenende!

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2 Antworten zu “Unter den Linden – Geschichte und Geschichten

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