Am Ufer des Forggensees – und dem Forggensee auf den Grund gegangen

Am Ufer des Sees © Liz Collet

Am Ufer des Sees © Liz Collet

Dieser Tage bot der ein wenig über die Grenzen des Blauen Landes hinaus sehens- und besuchenswerte Forggensee bei Füssen ein seltenes Bild, denn das Kraftwerk wurde abgeschaltet, die Schiffe liegen an trockenen Ufern wegen Wartungsarbeiten durch Eon an der Staumauer. Der See ist mit 15,2 km² Fläche der fünftgrößte See Bayerns und der größte Stausee Deutschlands. Im Landkreis Ostallgäu liegt er zu zwei Dritteln im Gemeindegebiet von Schwangau. Weitere Anliegergemeinden sind Füssen, Halblech, Rieden am Forggensee und Roßhaupten. Namensgebend war der frühere und durch den See überflutete Weiler Forggen.

Im Sommer während des Vollstaus vom 1. Juni bis 15. Oktober dient auch der Forggensee der Freizeiterholung mit allen möglichen Wassersportarten und mehreren Segelschulen. Wer es lieber ruhiger auf dem See geniesst, überquert ihn mit der  Forggenseeschifffahrt.

Im Süden des Sees bei Füssen wurde am 25. August 1998 zum 153. Geburtstag von König Ludwig auf einem neu aufgeschütteten, 45.000 m² großen Grundstück im Forggensee der Grundstein zu dem zum damaligen Zeitpunkt Musical Theater Neuschwanstein genannten Festspielhaus gelegt. Am 7. April 2000 fand mit der Uraufführung des Musicals Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies die Eröffnung statt.

In den Räumen des Kraftwerkes Roßhaupten ist das zum Museenverbund Auerbergland gehörende Infozentrum Wasserkraft angesiedelt und  informiert Besucher über die Gewinnung regenerativer Energie aus der Wasserkraft des Lechs und über die Zusammenhänge zwischen dem Fluss, der Umwelt und den Anwohnern.

Im Museenverbund Auerberg sind aber noch weitere besuchenswerte Museen vereint, die Sie hier in der Liste in der Sidebar finden,  darunter  u.a. ein Puppenmuseum, ein Flössermuseum,  das Hammerschmiedmuseum, das Molkereimuseum und ein Kutschenmuseum.

Die Fischereibewirtschaftung des Forggensees liegt in der Hand des Kreisfischereivereins Füssen.  Mit Hecht, Karpfen, Zander, Regenbogen- und Seeforelle,  Äsche, Brachse, Flussbarsch und Schleie ist der Forggensee ein reizvolles Fischereigewässer. Im Winter liegt der See weitgehend trocken. doch der auf rund 3 km² verbleibende restliche See reicht dem Fischbestand aus für die Überwinterung.

Aber auch als Brutplatz für Wasservögel und Rastplatz vieler Zugvögel bietet der Forggensee ein ideales Revier, das für Ornitologen und auch jeden Naturliebhaber spannende Bilder und Momente bei Wanderungen und Spaziergängen ermöglicht.

So ist durch den Stausee ein reizvolles Naturbiotop entstanden. Zwar ist er kein natürlicher See in seiner heutigen Form, aber er liegt in einem Becken, das nach der letzten Eiszeit noch von einem weitaus größeren See gefüllt war. Nach der Würmeiszeit schmolz der Lechgletscher immer weiter ab und führte érst zur Bildung immenser Toteismassen. Nach deren Abschmelzen entstanden dann in den Becken Seen.

Nördlich des Lechfalls bildete sich aufgestaut durch den Höhenrücken des Südflügels der Murnauer Mulde  am Nordende des heutigen Forggensees ein bis zu 60 km² großer, auf über 790 m ü. NN gelegener Füssener See. Er war Vorläufer des heutigen Forggensees und der meisten heute noch bestehenden kleineren Voralpenseen in diesem Bereich,. Vor 14.500 Jahren war das Voralpenland dann  eisfrei.

Die entstandenen Seebecken wurden durch Ton-Schluff-Ablagerungen aus dem Gletscherschmelzwasser angefüllt und auch der Füssener See verlandete. Er floss durch die Illasbergschlucht aus, die der Lech durch den Südflügel der Murnauer Mulde gegraben hatte. Zurück blieben die kleineren Seen, der Bannwald-, Hopfen, Schwansee und Weißensee.  In der folgenden  Zeit entwickelte sich im Tal des Lechs eine wunderschöne Wildflusslandschaft:  die Lechauen und ihre Flussarme, Kiesbänke und weite Überschwemmungsgebiete stellten einen einmaligen Lebensraum für eine reichhaltige Fauna und Flora, die auch Überwinterungsrevier des Rotwilds wurde, das dann aus den Bergen wechselte.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte man über die Nutzung der Wasserkraft bei Roßhaupten nachgedacht. Und 1898 erwarb die damalige Firma Siemens & Halske die ersten Grundstücke beim Lechdurchbruchs und Roßhaupten und eine Konzession zum Bau einer Wasserkraftanlage. Diese Konzession erlosch dann zunächst wieder im Jahr  1907.

Eine 1910 veröffentlichte Denkschrift der Königlichen Obersten Baubehörde über die Ausnutzung der Wasserkräfte am Lech zielte schon damals bei Roßhaupten auf die Errichtung einer Staumauer mit 34 m Höhe, 140 m Kronenlänge und einem Speicher mit 65 Mio. m³ Gesamtinhalt, die mit dem  Ersten Weltkrieg und den wirtschaftlich  schweren Nachkriegsjahren erneut der Durchführung der Pläne Hürden in den Weg legten.

Mit zunehmendem Bedarf an Strom gewann das Projekt erneut Interesse.  Ein Entwurf von 1936/37 strebte  ein Stauziel von 784,0 Meter über Normalnull  und eine Betonmauer mit eingebautem Kraftwerk vor.

Die 1940 gegründeten  Bayerischen Wasserkraftwerke AG (Bawag) sollten den Ausbau von Lech,  Unterer Isar und Oberer Donau mit Kraftwerken ermöglichen.  Aufgrund der langen Bauzeit und wegen des Kriegsbeginns wurde der geplante Baubeginn des Speichers Roßhaupten jedoch zurückgestellt und nur die Lechstufen 7 bis 15 zwischen Landsberg und Schongau in der Zeit von  1940 bis 1950 errichtet werden.

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es erneut der steigende Strombedarf, durch den das Vorhaben des Lechspeichers erneut Aktualität gewann.  Das Stauziel wurde nun auf 781 m ü. NN festgelegt, 3 m niedriger als die zuvor geplante Stauhöhe von 784 m ü. NN, die größere Umsiedlungen von 1500 bis 2000 Menschen vorausgesetzt hätte und bei Schwangau zu erheblichen Flächenverlusten für die Landwirtschaft geführt hätte.

Die Bawag war mittlerweile nur noch für den Ausbau der Lechstaustufen zuständig  und begann 1950 mit dem Bau des Lechspeichers.

Inzwischen kam es zu Widerstand der zu einer Schutzgemeinschaft zusammengeschlossenen Anlieger. 1952 erreichten sie mit dem sog. Schwangauer Vertrag eine Einigung mit der Bawag, durch die Betroffene entweder ortsnah neue Höfe fanden oder für die neue Häuser gebaut wurden.

Der Bau der Talsperre begann Anfang 1951 nach Abschluss der Erschließungsmaßnahmen, dem Bau der neuen Zufahrtsstraßen und eines Wohnlagers für die bis zu 1000 beteiligten Arbeitskräfte. Um die Dichtigkeit des Dammbauwerkes zu gewährleisten, wurde der gesamte Damm und die zugehörigen Bauwerke direkt auf Fels gegründet und nicht wie ursprünglich geplant, direkt am Durchbruch des Lech durch die Illasschlucht. So ging die ökologisch wertvolle Schlucht dabei verloren.

Seeseitig wurde eine fünf Meter dicke Betonschürze bis zu 20 Meter tief in den Fels eingebaut, an der 1952 der Lech aufgestaut und durch einen ebenfalls gebauten Stollen umgeleitet wurde. Weitere zwei Jahre dauerte es bis die weiteren  Bauwerke errichtet und der Damm vor allem mit Baustoffen aus dem Staubecken selbst aufgeschüttet worden war.

Insgesamt 32 bewohnte Gebäude mit 256 Einwohnern (1950) aus den Ortschaften Brunnen, Forggen und Deutenhausen, darunter 16 Bauernhöfe mit 800 Hektar Nutzfläche waren östlich des Lechs von der Flutung des Forggensees 1954 betroffen. Am Westufer wurden das untere Osterreinen an der alten Straße sowie einzelne Gebäude bei Dürracker und Füssen abgebrochen; die Untere Weidachsiedlung beim heutigen Stadtteil Weidach wurde komplett verlegt, 32 Familien mussten ihre Häuser verlassen. Von den betroffenen Gebäuden haben nur 14 Häuser aus Deutenhausen einen neuen Platz gefunden und wurden so erhalten: Theodor Momm, Inhaber der Spinnerei in Kaufbeuren kaufte 1952 der Bawag diese ab, liess sie 1954 abbauen und von Heimatvertriebenen in der Umgebung wieder aufbauen.

Die Heiligenfiguren aus der Deutenhausener Kapelle sind heute in St. Coloman zu finden. Dort feiert man jedes Jahr das Colomansfest am 2. Oktobersonntag, eine bis in 16. Jh. zurückreichende Tradition des Pferdeumritts. Mehr als 200 prächtig herausgeputzte Pferde nehmen teil. Ab 8.00 Uhr sammeln sich die Reiter am Ortsrand von Schwangau vor der Kulisse der Königsschlösser. Um 9.30 Uhr formiert sich am Rathaus der Reiterzug, angeführt von der heimischen Musikkapelle, zur Kirche St. Coloman.

Die ehemalige bischöfliche Mühle  –  1644 von Waltenhofen nach Forggen verlegt – zerfällt  auf dem Seegrund mit ihren Grundmauern.

In einiger Entfernung  vom Ufer des Forggensees zwischen Brunnen und Forggen lassen sich noch 1974 freigespülte Grundmauern und Ziegelreste einer römischen Villa rustica finden. Auf solchen Gutshöfen entlang römischer Strassen wurden Reisende versorgt. Bei einem dort noch gut erkennbaren, festen Straßendamm mit Ausrichtung auf die Landmarken Auerberg im Norden und Säuling im Süden könnte es sich nach Ansicht des Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege um eine in Vergessenheit geratene Römerstraße handeln, die vielleicht eine Verbindung von der Römersiedlung Tegelberg zur Via Claudia Augusta und deren Handelsstation bei Osterreinen darstellt. Möglich ist demnach der Verlauf einer jahreszeitlich bedingt genutzten zusätzlichen Römerstraße von Pinswang durch den Alpsee-Sattel und über die Römersiedlung am Tegelberg.

Der Forggensee dient zum einen direkt der Stromerzeugung und auch als sogenannter Kopfspeicher der Niedrigwasseraufhöhung für die lechabwärts gelegenen Wasserkraftwerke, zum anderen ist der See für die Hochwasserregulierung (Hochwasserschutz) am Lech nach Einsetzen der Schneeschmelze wichtig. Hauptsächlich im Sommer dient er auch der Naherholung.

Die zwei Kaplanturbinen des Speicherkraftwerks haben mit ihren 30 MVA Schirmgeneratoren zusammen eine Nennleistung von 45,5 MW bei einer Fallhöhe von 35,4 m und einem Durchfluss von je 75 m³/s. Das mittlere Jahresarbeitsvermögen beträgt 152,6 GWh.

Die E.ON Wasserkraft GmbH (EWK) ist inzwischen der Betreiber der Kraftwerksanlagen. Das Kraftwerk selber ist normalerweise unbesetzt; die Steuerung erfolgt über die zentrale Schaltwarte in Landshut.

Das dem Kraftwerk zugeleitete Wasser, bis zu 150 m³/s, wird dem Forggensee kurz oberhalb des Dammfußes durch ein am Nordhang gelegenes Einlaufbauwerk mit drei Öffnungen von je 8,25 Meter Höhe und drei Meter Breite entnommen und fließt auf 325 Metern Länge durch einen 8,35 Meter breiten kreisförmigen Triebwasserstollen durch ein Hosenrohr in zwei Rohre mit je 4,5 Metern Durchmesser. Von dort wird es in die beiden Einlaufspiralen der Turbinen und zurück in den Lech geführt.

Als Folge der Überschwemmungen seit 1999 entwickelte das Land Bayern mehrere Programme für den Schutz vor Hochwasser. Für den Forggensee wurde deshalb ab 2005 eine generelle Absenkung des Stauziels um einen halben Meter (von 781 m ü. NN auf 780,20 – 780,7 m ü. NN) festgelegt; 7,5 Mio m³ zusätzliche Auffangreserven für Hochwasser können damit bereitgehalten werden. Zudem kann der Seespiegel nun vorsorglich abgelassen werden, um die Hochwasserspitzen besser auffangen zu können. 2005 wurde zudem eine neue Hochwasserentlastungsanlage eingebaut.

Für Gemeinden mit flachen Uferbereichen – dazu gehört besonders Schwangau – wurden durch die Absenkung des Normalwasserstandes Umbaumaßnahmen notwendig. Die vorhandenen Hafenanlagen von Wassersportvereinen mussten mit Kanälen an den „neuen Forggensee“ angeschlossen werden. Bodendenkmäler, die vorher unter Wasser geschützt lagen, tauchten auf und benötigten Schutz vor zu schneller Verwitterung. Im Bereich von Horn und Waltenhofen entstehen breitere Kiesstrände bis hin zum See.

Dieser Tage nun gibt der trockengelegte See den Boden und das preis, was seine Wassermassen sonst verbergen. Teile des Verlaufs einer Römerstraße samt einer Brücke. Alte Baumstümpfe und Partien der schroffen Illasschlucht sind zu sehen.

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Rund um den Forggensee bieten sich aber noch zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten, die Sie auch von Murnau, dem Blauen Land und Orten wie Bad Kohlgrub, Bad Bayersoien und aus dem Ammergauer und Werdenfelser Land gut erreichen können. Ausflüge zu den Königsschlössern, der Wieskirche, Sankt Colomann, Kloster Steingaden und die ehemalige Klosterstiftskirche Rottenbuch lassen sich gut damit verbinden und mit „Schlenkern“ über Kochel- und Walchensee und das E.ON Wasserkraftwerk zu interessanten und unterhaltsamen Ausflügen gestalten.

Interessiert? Fragen Sie gern nach Details und weiteren Informationen.

Quellen und Links, die Sie ausserdem  interessieren könnten:

Bildquelle: Gras (für Postkarten, Prints etc) /  Am Ufer des Sees © Liz Collet

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