Christkindlwetter am Neujahrsmorgen

Der erste Espresso des neuen Jahres steht in der Tasse auf dem Tisch vor mir. Die Stille des Feiertages wird später am Nachmittag vom Neujahrsläuten der Kirchenglocken in und um Murnau durchbrochen werden, die den Neujahrsgottesdienst und den Feiertag einklingen……….. und eben auch das Neue Jahr noch einmal, nachdem sie es bereits zum Jahreswechsel taten.

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Es liegt die Art von Stille, Inselgefühl über dem weiss angeschneiten und Blauem Land, die es um diese Zeit des Jahres und des Wechsels der Jahre, die sich die Türklinke in die Hand geben, so besonders für mich macht. Immer schon, seitdem ich jeden Winter hier verbrachte. Hier nun, heute, wird nachher allenfalls auch noch das Klappern der Hufe von Sepp Gramers Kutsche am Haus vorbeitrabend zu hören sein, der unweit damit dann im Moos unterwegs ist.

Die Winterferien. Erst in einer Ferienwohnung in Uffing, am Rande des kleinen Ortes zum Moos hin.

Weihnacht in Uffing mit dbmS

Wohnkuchl in lindgrünem Mobiliar, Blick auf das Murnauer Moos. Kein Backofen, nur zwei Herdplatten, aber sonst alles, was man brauchte zum Weihnachtsglück. Und weil es am Backofen fehlte, wurden neue Traditionen für das Weihnachtsessen geboren. Es gibt Momente, für die man seine Seele verkaufen würde, um sie festzuhalten und zurückzuholen. Wer Glück und Gespür in der Zeit hat, erkennt das früh und versäumt sie nicht, wenn sie da sind. Momentn. Zum Sammeln. Unwiederbringliche. Die man pflücken muss, wenn sie reif sind. Man kann nur Tag für Tag für Tag Stunde für Stunde und Minute für Minute so leben, dass es immer wieder viele neuen kleine solche Glücks-Puzzlestücke gibt. Nicht wahr?

Der kleine Knopf im Bild ist gross geworden. Mindestens einen Kopf grösser, als seine auch schon nicht ganz so kurz gewachsene Mama. Dafür sind deren Wuschelkopfhaare seither lang bis über die Schultern gewachsen. Der kleine Knopf trat damals in Langlauf-Schuhstapfen. Spurte in der Lopie in seinem ganz eigenen Tempo und nach seinem Maß und Bedürfnis, so lang und weit er mochte.

Und das war binnen weniger Tage von Ettal bis hinüber weit hinter Graswang Richtung Linderhof. Eine wunderschöne Strecke, die anders als beim alpinen Ski Landschaft, Winter, Wetter, Sonne, Schnee geniessen und spüren macht. Leichten Weges, auch bei der Kleidung, die man trägt. Da ich immer schon Winter liebe und kaum mehr brauche, als lange Hosen, selbstgestrickte Norweger und Stiefel und bestenfalls noch Handschuhe und bei Mütze schon streikte, perfekter Sport für mein ebenso wie kindliches Freiheitsbedürfnis, nicht in Skianzüge, Helme und schwere Skistiefel steigen zu müssen.

Langlaufen

Langlaufen

Bestenfalls ergänzt man irgendwann dann Pullis durch Joppen, die noch leichter sind und gleich wärmend.

Leichten Weges aber ist man beim Langlaufen unterwegs, weil es  Zeit und Raum und Blick lässt für das, was beiderseits des Wegs und in der Landschaft liegt. Für grosse und kleine Wuschel-,….äh…Kindsköpfe. Daran ändert sich auch 20 Jahre nach den Bildern und dieser Zeit nichts…… aus der die Fotos stammen.

Auch nicht, wie herrlich beim Weg mit oder ohne Langlaufbretter unter den Schuhen es ist in der klaren, kalten Luft, weit weg von allem und auch weit weg von vielem Rummel rund um Weihnacht. Und des Restes des Jahres. Wie herrlich jederzeit im eigenen Tempo und Strecke und Richtung durch das Land Spuren zu suchen und zu hinterlassen. Und vor allem: Einfach mal stehen bleiben. Uhr anhalten. Innere Uhr. Innere Uhr wieder spüren. Ausloten. Ausrichten. Steh‘ bleibn. Nicht nach anderen richten, die in ihrer Spur vorbeiziehen. Jeder nach seiner Facon. Nicht jagen und antreiben lassen. Einfach mal steh‘ bleib, treiben lassen. Bevor man wieder Schritt um Schritt weitergeht und -zieht.

Inzwischen tritt der beste meiner Söhne in Fuss-Stapfen nicht nur beim Langlauf, sondern auch der §§ mit dem Studium, von dem ihn selbst der Beruf seiner Eltern nicht abzuschrecken vermochte. In den Winterferien aber war und ist das weit entfernt, damals wie heute. Die Weihnachtsferien waren und sind Inseln im Jahr. Kein Telefon. Fax und Handy eh nicht, noch weniger Smartphone oder Internet sonst. Auszeiten. Kaum eine Autostunde von München entfernt, ohne Staus und lange Urlaubsreise erreichbar. Später nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer. Der hier – wie jede Jahreszeit – wunderschön ist und noch verdient, Sommerfrische zu heissen. Nicht nur, wenn es barfuss im Landhauskleid über die nach Wildkräutern und Blüten und Klee duftenden Wiesen geht. Die Ferienwohnung wechselten wir im dritten Jahr.

Ettaler Weihnacht © Liz Collet

Ettaler Weihnacht © Liz Collet

Die zweite lag dann in Seehausen, oberhalb des Sees, am Hang, am Graswegerer gelegen, mit Blick weithin ins Land und auf den See. Kachelofen. Winterweiss draussen. Kuschelzeiten drinnen nach kalt gefrorenen Nasen vom Langlaufen in der Spur zwischen Ettal, Graswang, Oberammergau, Linderhof.

In diesem Jahr habe ich nicht die Langlaufskier in die Spur der Lopie gelegt, sondern Gäste als Reiseführerin auf mehreren Touren und die Spuren der Geschichte und mit Geschichten über das Land, die Leute, die Menschen ge- und verführt. So ändern sich die Zeiten. Nicht das Vergnügen. Und ein Vergnügen war es wirklich – obwohl mich ein paar Menschen überrascht fragten, warum ich mir das antue: Am Heilig Abend frühmorgens los und bis in den Nachmittag als Reiseführerin arbeiten? Und an den Feiertagen auch noch. Arbeit noch am Heiligen Abend aber kenne ich aus Jahren in Bäckereien ebenso wie an anderen Arbeitsplätzen, an denen ich schon tätig war. Das macht mir nichts – und ist im Gegenteil oft eine wunderbare Gelegenheit, sich (und andere mit) auf Weihnachten freuen machen und vorfreuen und in Stimmung kommen. Nicht mit Rummel. Sondern eben in der Art, wie man an solchen Tagen im Besonderen mit anderen um- und auf diese eingeht. Eben damit Weihnachten dann auch wieder etwas anderes vermittelt. Schenkt. Ob manchem der Kunden in der Bäckerei, die älter waren und allein lebten und den Abend verbringen würden. Und sich nach dem Einkauf im Laden doch noch anfingen, sich auf den Weihnachtsabend zu freuen. Oder später eine Mandantin, die mich am Heilig Abend vor ein paar Jahren in der Kanzlei am Telefon erwischte, als ich auf dem Weg zwischen Wohnung und Ferienwohnung in den Winterurlaub noch kurz in der Kanzlei gehalten und den Posteingang gesichtet hatte. Und die Post durchsehend ans Telefon ging, als es klingelte. Sie hatte auch eben Post erhalten. Von ihrem Arbeitgeber. Kündigung am Heilig Abend. Ich kam dann knapp eine Stunde später am See an. Eine Stunde, in der weder bereits eine Kündigungsschutzklage eingereicht werden musste, noch eingereicht wurde, noch Korrespondenz. Alles das war erst nach Dreikönig dann und nach dem Urlaub veranlasst worden. Die eine Stunde machte nur den Unterschied,  wie eine Mandantin ihr Weihnachten dann verbringen würde. Und ebenso zur Ruhe kommen konnte, wie ich. Manches kann man an Heilig Abend verschenken, das nicht bezahlt wird und unbezahlbar eben nicht für Geld zu bekommen sind. Es ist Reichtum, wenn man sie verschenken kann: Zeit. Die anderen etwas schenkt.

Es gibt viele Berufe und Arbeiten und Tätigkeiten, bei denen man dazu Gelegenheit hat. Und eben auch manchmal sogar an freien und Feiertagen. An denen man nicht frei haben muss, um sich frei zu fühlen und Vergnügen daran zu haben, was man dann tut und tun kann. Auch wenn andere das als Arbeitslast sehen. Arbeiten zu können ist, kann Geschenk sein. Oder sogar Genuss. Wenn ich überhaupt in jenen Jahren in diesen Winterferien etwas „arbeitete“, dann war es hie und da das Kritzeln an Manuskripten für die einen oder anderen Vorträge oder Veröffentlichungen. Aber nicht, weil sie nicht auch noch danach Zeit gehabt hätten, sondern weil in der Ruhe und Muße eben oft die besseren Ideen ganz von selbst kommen und mühelos zu Papier sausen. Während man abends und nach durchgelüftetem Kopf und ausgetobtem Körper im Schnee beim Tee oder heisser Schokolade am Kachelofen gekuschelt sitzt und den Tag ausklingen lässt. Oder frühmorgens nach dem Lauf durch den Schnee und am See entlang oder die Hänge über dem See. Während Mann und Maus noch schliefen.

Ein Widerspruch zum Wert und Vergnügen, unerreichbar und fern von Arbeit und Pflichten in Winterferieninseln zu sein? Keine Spur! Solange die Balance zwischen beidem stimmt. Und man es noch geniesst. Und Genuss auch spürt am Steh‘ Bleibn. Im Jahr. Besonders zwischen den Jahren. Die Zeit, die manche gar nicht kennen. Und von der andere behaupten, es gebe sie nicht. Sie haben sie einfach noch nicht entdeckt.

Das ist für manche vielleicht eine zu schwierige Übung. Für die es eben ein paar Zutaten braucht: Stehn bleibn können. Das können manche schon nicht mehr. Die auf der Roas sind. Wie man bei uns so sagt. Und das meint nicht nur „auf der Reise“, sondern auch eine gehetzte, abgehetzte, nicht zur Ruhe findende Geschwindigkeit der Bewegung.

Und damit sind wir bereits bei der zweiten Zutat: Zur Ruhe kommen zu können. Nicht nur stehen bleiben und stehen bleiben können, sondern das auch auszuhalten, ohne gleich binnen Bruchteilen von Sekunden unruhig wieder weiter sausen zu wollen, als werde man gejagt und getrieben und angetrieben und umgetrieben.

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Angetrieben von anderen.Und wir wissen, davon gibt es immer irgend jemanden, der glaubt, das Tempo vorgeben zu müssen und dürfen. Oder Ansprüche zu stellen. Vielleicht sind auch Sie so aufgewachsen, dass Sie keinen Weg umsonst machen dürfen? Soll heissen: Nicht ohne was in der Hand zu haben, das man beim Weg von einem Zimmer in ein anderes auch was aufräumt und erledigt, nicht mit leerer Hand geht. Was ebenso verwerflich und vergeudet wäre, wie ein Furhwerk in alter Zeit, das ohne (lohnende, bezahlte) Fuhre Zeit und Weg nimmt und fährt. So erzogen, dass Sie schwer die Hände ruhig in den Schoss legen können, ohne Arbeit zu sehen und zu erledigen. Mutlitasking habe ich beherrscht, bevor das Wort erfunden wurde. Bügeln, Schuheputzen, Wäsche flicken, Pullis und Jacken und anderes stricken beim Telefonieren oder Fernsehen oder Radio hören. Und vieles anderes mehr. Ich könnte Ihnen eine ellenlange Liste darüber kritzeln.Es hat Vorteile, das zu können. Aber nicht nur Vorteile. Weil es einfach auch eben Ruhezeiten braucht. Und jeder muss lernen, ob und wann diese nötig sind. Auch in vermeintlich unpassenden Momenten und Zeiten.

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Angetrieben von irgendwas, das manche gar nicht benennen können, die rennen und rennen und weiter rennen.

Auf der Suche, in der Sucht nach was auch immer, das sie auch gar nicht finden können. Weil eines halt gilt: Wer nicht weiss, was er wirklich braucht, kann ohne Ziel nicht den richtigen Weg einschlagen. An Ziele kann man mit mehr Zeit kommen, wenn man die Richtung kennt. Ein Kompass ist wichtiger als eine Uhr. Ich liebe Uhren. Aber ich verwechsle nicht, wer wem dienen soll: Der Mensch der Uhr – oder die Uhr als Hilfe für den Menschen ihm. Beim Ruhen. Wie beim Gehen. Und wo wirklich nötig auch manchmal in der Eile.

Und so ist auch der Jahreswechsel, der in der Zeit zwischen den Jahren liegt, noch immer ein Ruhepunkt zwischen den Jahren. Nicht weil das Leben und die Herausforderungen drumherum so leicht und klein wären. Sondern erst recht, weil sie es eben nicht sind. Darin liegt ein Stück Kunst. Auch mit wenigen und kleinen Auszeiten zur Ruhe kommen zu können. Innehalten. Besinnen. Zurückblicken. Bilanz ziehen. Abschliessen, das eine. Entscheiden, was mitzunehmen ist für das Neue Jahr. Erfahrungen. Herausforderungen, die es noch zu bestehen gilt. Neue Chancen erkennen. Neue Blickwinkel nach vorn einnehmen. Gedankenwäsche. Prioritäten des Vorjahres auf dem Prüfstand betrachten. Neu justieren. Ins Neue Jahr aufmachen. Mit den gewonnenen Erfahrungen, guten wie anderen. Mit Fähigkeiten. Wünschen. Plänen. Zielen. Werkzeug dafür. Und einem Kompass. Für den Weg. Und durch die Zeit.

Zwischen den Jahren, das wird teils verstanden als die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Für mich ist es nicht nur wegen der seit Jahren hier am See verbrachten Winterferien zwischen Weihnachten und Dreikönig eben dieser Zeitraum. Und das ist er auch, blickt man auf die Geschichte der Kalenderrechnung. Je nach Zeitrechnung endete das Jahr nämlich zu unterschiedlichen Daten.

Die frühen Christen begannen das neue Jahr und die Erscheinung Jesu noch am 6. Januar. Erst im Jahr 354 setzte der damalige Papst den 25. Dezember als Weihnachtstag fest. Er versprach sich davon eine leichtere Bekehrung der Heiden zum Christentum, weil ursprünglich das Lichterfest ein heidnischer Feiertag war. Als zu Zeiten Julius Cäsars der Julianische Kalender eingeführt wurde, lag die Wintersonnenwende auf einem 25. Dezember. Sie wurde von Heiden gefeiert. Die Christen entschieden dann, künftig an diesem Tag Christi Geburt zu feiern, um den Übergang vom heidnischen Brauchtum zum christlichen Glauben zu erleichtern.

Wieskirche am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Wieskirche mit dem gegeisselten Heiland am Weihnachtsmorgen © Liz Collet

Im 9. Jahrhundert verlegte die katholische Kirche den Jahresanfang ebenfalls auf dieses Datum, was zu Verwirrungen führte: Für manche begann das neue Jahr am 25. Dezember, für andere am 6. Januar. Manchmal bezeichnet der Ausdruck „zwischen den Jahren“ diesen Zeitraum, die zwölf Tage und Nächte zwischen Weihnachten und dem Heiligdreikönigstag. Sie werden die zwölf Rauhnächte genannt.

In diese Zeit fallen auch Bräuche des Hausräucherns, um böse Geister und vor allem solche des alten Jahres zu vertreiben. Aber darüber erzähle ich Ihnen ein anderes Mal. Heute……… soll auch noch Zeit sein für das Kritzeln eines Manuskriptes. Und das hat………..

………… sehr viel mit dem Christkindlwetter zu tun. Am Heilig Abend. Und dem des heutigen Neujahrsmorgens und -tages. Und dem, was an diesen Tagen und den Tagen dazwischen und zwischen den Jahren Zeit und Raum fand.

Um nun auch zu Papier gebracht zu werden.

Sie wissen ja………. in der Ruhe mancher Momentn entstehen und wachsen und reifen  die schönsten und besten Ideen und Dinge. Mitten im Stehn Bleibn.

Einen wunderschönen Start für Sie in den Neujahrstag und ein Neues und Gutes Jahr 2014 !

3 Antworten zu “Christkindlwetter am Neujahrsmorgen

  1. Liebe Liz, jetzt hab ich auch mal Zeit zwischen den Jahren „stehen zu bleiben“ und beispielsweise Deinen Blog zu lesen. Gefällt mir sehr gut :-).

    Ich wünsche Dir ein grandioses 2014!

    Liebe Grüße
    Claudia

  2. Pingback: Neuer Richter am Bundesverwaltungsgericht: Franz Wilhelm Dollinger | Jus@Publicum·

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