Advent in der Christuskirche Murnau

Adventus © Liz Collet

Adventus © Liz Collet

Advent ……….Zeit der Besinnung. Besinnlichkeit.

Viel gescholtene Zeit des Handels und Kaufrausches und -Rummels der Vorweihnachtszeit. Gescholten am meisten von – immer wieder zu beobachten – eben genau denen, die sich beidem am willigsten ausliefern und hingeben und Weihnachten und danach jährlich wieder klagen und beklagen, wie wenig Zeit ihnen genau dann bliebe. Dabei liegt es an jedem selbst, ob er mitspielt. Und seine Zeit vergeudet oder geniesst. Wer sagt, dass Weihnachten jedes Jahr neu und Neues bedeuten muss? Vor allem: das Neueste des Marktes, des Handels und der Händler? Das wievielte Handy muss es sein? Wir beklagen Energie – und Klimakrise ohne zu realisieren, dass der eigene Konsum bestimmt, wie dieser sich weiter entwickelt. die wievielte Kaffeemaschine muss es sein? Der wievielte Schal, die wievielten Pullover und Jacken und Kleidung, während Sie von Shop zu Shop hetzen und Coffee to go aus Capsules und Pads trinken, der weder umweltfreundlich hergestellt, noch umweltgerecht entsorgt wird und zwischen beiden Stufen nicht einmal so gut schmeckt, wie per Hand und klassisch aufgebrühter?

Wieviel Zeit haben und behalten und verteilen Sie dazwischen? Nicht virtuell. Nicht viral. Sondern Face to Face, statt nur per Facebook? Wo endlos scrollbare timelines konsumiert werden, echte Begegnung und Kennen und Kennenlernen Mangelware sind. Mangelware wie die Zeit, die viele im Advent bejammern.

Warum also sich nicht wieder einmal Zeit schenken?
Das haben Sie schon ungezählte Male gehört? Von Kindheit an? Wie die Sätze: „Es muss nichts Gekauftes sein. Etwas Selbstgemachtes ist auch schön. Und überhaupt: Am schönsten ist, dann wieder einmal richtig Zeit füreinander zu haben.“

Sie kennen die Sätze?

Leben………..sie zu leben und mit Leben zu füllen, für sich, mit sich, für andere, mit anderen, das aber ist eben etwas anderes.

  Christuskirche Murnau © Liz Collet

Christuskirche Murnau © Liz Collet

In diesem Jahr gibt es in meinem Blog keinen Adventskalender. Diesmal sollen es auch im Blog Gedankentürchen sein. Türchen sein, die sich auf andere Weise öffnen. Und vielleicht haben Sie auch genau darauf eigentlich wieder einmal Lust?

Schenken Sie nicht das 25. Kochbuch eines Sterne- oder Fernsehkochs, mit dem der Beschenkte dann irgendwann kochen soll. Kochen Sie gemeinsam nach Lust und Laune und mit dem, was Sie gemeinsam auf dem Markt schnuppern gehend gekauft haben.

Versuchen Sie etwas ganz einfaches, das vielleicht den meisten inzwischen zur schwierigsten Übung gerät: Öffnen Sie Türchen zu sich, Ihren Bedürfnissen und denen anderer. Zu eben den Wünschen, die mit Zeit erfüllbar und füllbar sind. Vielleicht auch mit Selbstgemachtem. Selbst gebrühter Kaffee und Tee. Zuhause. Bei Ihnen mit einem netten Menschen. Bei einem netten Menschen. Bringen Sie, schenken Sie Zeit mit. Für das, was Ihnen gut tut, braucht es oft nur das, nicht mehr. Aber: auch nicht weniger.

Vielleicht können Sie etwas reparieren oder transportieren, was dem anderen hilft und was er allein oder selbst nicht kann. Wann immer er damit danach hantieren und es sehen wird, wird es wieder und wieder Freude bereiten, wie alltäglich es auch scheinen mag. Aber genau deswegen: Es wird über Weihnachten hinaus alltäglich weiter wärmen und Freude machen.

Den wievielten Pulli kaufen Sie sich oder anderen, die nach einem Jahr schon wieder im Schrank „Platz wegnehmen“ oder austauschbar wären? Wieviel länger und lieber werden Sie sich in eine Jacke oder einen Pulli einkuscheln, daheim, an gemütlichen Tagen, beim Angeln, Segeln, Rudern, Spazierengehen, Radfahren, Picknick oder beim nächsten Grillfest, den jemand für Sie oder mit ihnen gemeinsam bei zusammen verbrachten Nachmittagen oder Abenden selbst gestrickt hat? Sie scheuen selbstgestrickte Geschenke anderer und tragen diese nicht gern? Das müssen Sie ja nicht? Sie stricken für sich, die Freundin ebenfalls – während Sie gemeinsamen Stunden teilen, schon dabei Zeit miteinander geniessen und später an diese Zeiten und die Freude erinnert werden, sie wieder spüren, wenn sie die gestrickten Teile tragen. Vertrautheit, Gemeinsamkeit, Freundschaft, Familie zwischen den Maschen spürbar.

Kaffee und Literatur  © Liz Collet

Kaffee und Literatur © Liz Collet

Rasierwasser und Parfums sind beliebte, luxuriöse und dennoch Allerweltsgeschenke, die nur durch elitäre Prominamen und Verpackung und Preis aus dem Ruf des Verlegenheitsgeschenks in Ermangelung besserer Ideen für Weihnachten und Geburtstag herauszuwachsen versuchen. Und dennoch……… verbraucht, wie der Duft verfliegt. Wissen Sie noch den ersten Spaziergang, als Sie frisch verliebt waren? Spielte es eine Rolle, ob es Frühling war oder Herbst und dann vielleicht nach Laub und herbstlichem Holz duftete, um sich immer daran erinnern zu können? Selbst Demenzpatienten können auf Frage nach Gerüchen und Düften diese noch abrufen und erinnern. Wie Erwachsene die Düfte ihrer Kindheit von Lieblingsgerichten oder dem Hemd eines Grossvaters oder des Holzes, das im Winter zum Einschüren erst in der Kälte geschlagen und gesammelt werden musste. Verschenken Sie Tage – mit Spaziergängen mit Menschen, die Ihnen wirklich das teuerste wert sind: Lebenszeit. Zeit. Waldluft mit Tannengrün und Zweigen, Tannenzapfen sind ein haltbareres Geschenk als Parfum, das verduftet……….

Als Kind verbrachte ich mit dem Chor des Konservatoriums in München jährlich Zeit an Krankenzimmern des Münchner Schwabinger Krankenhauses. Singend zogen wir von Tür zu Tür bei Menschen, die Advent oder Weihnachten oder beides nicht daheim verbringen konnten. Später habe ich nicht nur zu Weihnachten Geschichten und Bücher vorgelesen. Menschen, die nicht mehr gut sehen. Aber nicht nur. Erinnern Sie sich noch, wie Sie es liebten, wenn Ihnen Eltern oder Grosseltern vorlasen, als Sie es noch nicht selbst konnten? Waren es allein die Geschichten, die Sie dabei liebten? Oder nicht auch die Geborgenheit, die Gemeinsamkeit, Heimeligkeit, das Gefühl von Daheim, Familie, Zusammensein, das Sie dabei mindestens ebenso sehnsüchtig brauchten? Das Gefühl, nicht allein, nicht allein gelassen zu sein, nicht nur zwischen, sondern mit anderen zu leben? Teilen Sie es wieder………. bei einer Tasse Tee oder Kaffee oder Glühwein……mit dem Freund, der Freundin, Geschwistern oder anderen Verwandten und ……….natürlich Ihren Kindern. Vielleicht werden Sie nicht verhindern, dass diese dennoch Spass und Zeit auch auf Smartphones, TV und PC und anderes verwenden werden. Auch. Aber eben nicht nur mit diesen. Nicht ohne auch Zeit mit Ihnen, Familie und nicht nur eingebunkert in irgendeinem anderen Zimmer und unansprechbar für den Rest der Welt verbringen zu wollen.

Insights of......© Liz Collet

Insights of……© Liz Collet

Weihnachten muss – wie alle anderen Tage – nicht perfekt sein. Auch wenn viele das glauben. Es muss kein perfektes Essen geben, keinen perfekten Baum, keine perfekten Geschenke, Reisen und Events. An eben dieser illusionären Anspruchshaltung aber scheitern viele und enden in Streit an den Tagen, von denen alles perfekt inszeniert sein soll. Während nicht nur die Kriegs- und Nachkriegsgeneration von alledem nichts hatte, das auch nur annähernd perfekt war. Aber aus allem, was sie hatte, das Beste machte, das man miteinander geniessen und teilen wollte und konnte. Nicht wenige unfreiwillig von Menschen dauerhaft, ungewiss oder auch endgültig getrennt oder verlassen, die sie liebten.

Ein Video von Nivea macht derzeit die Runde und verursacht Aufschreie. Boykottrufe. Weil es Weihnachten inszeniert, in dem Mutter, Onkel und Grosseltern und Kind vorkommen, aber kein Vater zu sehen ist. Aufschreie gellen durch die Welt des Internets, wie hundsgemein es sei, Väter aus Weihnachten herauszuklammern und so ein Weihnachten als wünschenswert anzusehen. So ein Weihnachten sei ja wohl alles andere als perfekt.

Der Aufschrei zeigt verschiedenes.

Interpretationen. Einseitige. Wo viele mehr möglich sind. Väter können auch am Weihnachtstag zB während der Vorbereitungen der übrigen Familie zuhause noch unterwegs oder aus vielen Gründen abwesend sein: Sie können getrennt von der Mutter und Kind leben. Vielleicht sogar glücklich mit neuer eigener Familie. Aber ist das die einzige denkbare Form der Interpretation? Wieviele Berufe haben auch Weihnachten Dienst, bis mittags, abends oder gar Weihnachten toujours und dans la nuit? Vielleicht ist Pappa noch beim Einkauf oder reist von seinem Pendeljob erst an. Im letztgenannten Fall hätte man ihn sicher filmisch einbauen können. Und so können wir schlussfolgern, dass es vielleicht wirklich die „Restfamilie“, die Alleinerziehenden zeigen soll. Diejenigen, die – wie viele Mütter bei Doppelbelastung von Job, Kind und alles dennoch perfekt machen zu wollen, müssen (in eigenen und Augen anderer sonst vielerlei Ansprüchen nicht genügend) – eben auch Weihnachten feiern. Mütter und deren Familien, die auch bei Alleinerziehenden und nicht zwangsläufig immer in idealisierten neuen Patchworkfamilien, rund um Mütter und deren Kinder dann Familie bleiben.

Nicht nur die „perfekte“ Familie Mutter, Vater, Kinder, Omis und Opis und bitte gleich noch bunt gemischt mit allen denkbaren Eventualitäten von ethnischen und anderen diskriminierungstauglichen Protagonisten, damit auch jeder über seiner Nudelsuppe mit jeder Marke und Werbung von Marken und ihren Herstellern weihnachtlich zufrieden und himmlisch glücklich ist in seiner Sicht auf Paradies auf Erden. Nur: Von perfekt ist im Video gar nicht die Rede. Auch nicht davon, dass Weihnachten nur perfekt sei ohne rechtlich entsorgte und durch Rechts und andere Missbräuche und entsprechende Vorwürfe entsorgbare Väter. Diesen Schuh ziehen sich aber im shitstorm viele an. Stilisieren im mildesten Vorwurf in ihren Interpretationen das Video zu einem von „Perfektem Weihnachten“ wo eigentlich nur vom schönsten Geschenk zu Weihnachten die Rede ist, der Familie. Im Video einer Familie, wie sie vielfach Alltag ist. Bei Kindern. Mit Kindern. Mit den Augen von Kindern betrachtet.

Projektionen. Und die Befindlichkeiten von Vätern, die nicht mit Kindern und Müttern der eigenen Kinder zusammenleben und sich darin vernachlässigt glauben. Tatsache aber ist, es gibt für ungezählte Kinder der Welt eben keine heile Welt mit Mama, Papa, Kind und Grosseltern. Wir wollen hier weder werten, wer in jeder solcher Situation Anteil und Ursache hat, noch gar von Schuld oder selbst schuld reden. Und auf beiden Seiten von Elternteilen gibt es solche, die auch den besten Willen des jeweils anderen unterlaufen und sabotieren, diesem wie sich selbst und vor allem den gemeinsamen Kindern noch ein schönes Weihnachten auch mit dem anderen zu gönnen und zu ermöglichen. Und viele Gründe, warum es trotz Bemühen von zwei Seiten nicht geht. Wo Eltern zB am jeweils entgegengesetztem Ende der Republik leben, kann Heilig Abend nicht bei beiden gelebt werden.

Und so gibt es um viele Kinder alleinerziehende Mütter und Väter und Patchworkfamilien mit Menschen rund um diese herum, die sich mit Grosseltern und Onkels und Tanten zusammenfinden und neu sortieren und sortieren müssen.

Für wen sollte Weihnachten dann perfekt sein? Nicht zuallererst und vor allem für die Kinder? Eben – wenn, dann sollte es mindestens und vor allem für diese schön sein. Sie haben es sich nicht ausgesucht, wie ihre Eltern miteinander oder getrennt voneinander leben und mehr oder minder gut auf die Reihe bekommen, dass und wie sie weiterhin im Alltag und an Festtagen Eltern sind. Wäre es dann nicht das Wichtigste, dass gerade Weihnachten dann für sie so schön und friedlich und so „perfekt“ auch mit eben vielleicht nur einem Elternteil stattfindet und weiteren Menschen, die zur Familie gehören und zu Weihnachten? Es ist eben nicht Realität, dass Kinder am Heiligen Abend nicht nur bei einem von beiden, sondern friedlich, stressfrei und von Wohnung zu Wohnung pendelnd bei beiden Elternteilen an ein und demselben Tag Weihnachten feiern. Noch weniger alle gemeinsam, die aus guten Gründen ihr Leben sonst nicht mehr miteinander teilen können oder wollen oder eben auch neue Partner haben.

 Christuskirche Murnau © Liz Collet

Christuskirche Murnau © Liz Collet

Neue Partner, die nicht als Bigbig-Family mit allen geschiedenen und getrennten und Ex-Partnern und deren Familien an langer Tafel sitzen, sondern ein eher langes Gesicht machen würden, müssten sie mit eigenen oder ohne eigene Kinder das Weihnachtsfest auch noch mit ex-Partnern und deren Eltern etc an Heilig Abend verbringen. Und so teilt man die Tage auf, wechselt Heilig Abend und Feiertage ab und überbrückt dabei auch Fahrtstrecken, weil durchaus nicht immer alle weiterhin an einem Ort leben. Und teilt Weihnachtstage dann manchmal abwechselnd mit den Jahren ab.

DAS ist nicht perfekt. DAS ist kein perfektes Leben, nicht das Ideal. Aber es ist die Realität. Und innerhalb dieser alltäglichen und festtäglichen Realität kann man die Zeit miteinander versuchen, so schön für Kinder zu machen, wie eben in diesem Rahmen möglich.

Wenn ein Video das entlang des Laufs der Realität und des Lebens widerspiegelt, mag sich entweder ein Vater darin nicht wiederfinden oder eine Mutter, je nachdem, wo man Kinder im Video den Tag verbringen lässt. Interessant dabei, wie schnell und laut Männer und Väter aufschreien, wenn ein solches Video dann die Mutter des Kindes am Heilig Abend zeigt. Nicht den Vater.

Denn während des ganzen Jahres wird – Gleichberechtigung im Job oder gar gleicher Lohn sind noch immer hübsche Theorie, aber bitte nur solche, wenn es nach Männern geht und Kindererziehung bitte in den ersten Jahren vor allem doch immer noch der Regelfall bei Frauen gut aufgehoben – bei Kids im Alter wie im Video zu sehen, Mama den Alltag wuppen mit dem Weh und Windeln kranker wie gesunder Kinder im Kleinkind- und Kindergartenalter. Der Anteil der Männer, die ihren Teil dazu tragen, mag zugenommen haben, von hälftigem Beitrag und Anteil sind wir noch weit entfernt.

Oder wo bitte sehr bleiben Aufschrei und Boykott von P & G, die als Hersteller von Windeln und Waschmitteln allein den Mamas der Welt die Erziehung der Sprösslinge aus dem Windelalter bis in den Olymp des Sports und zu Olympioniken anvertrauen und danken? Hat ein Felix Neureuther keinen Vater Christian Neureuther, der  wie die Mutter Rosi Mittermeier Weltrang im Skisport erfuhr und erkämpfte? Und für seinen Sohn nicht weniger als dessen Mutter Rückenstärkung bot?

Es ist also ein recht tunnelartiger und einseitiger Blick von Vätern, die bei Nivea zu Aufschrei und Boykott rufen, wenn es um Fest und Festliches und Feiern geht, aber kein Problem damit und darin sehen, dass Mütter die Alltagsarbeit bei den Sprösslingen selbst in Leistungssport und sonst im Alltag haben, wo daily duties und presence gefragt und gefordert sind. Während so mancher Sonntagsvater zum Sugardaddy mutiert, der jedes Jahr Weihnachten das Neueste vom Neuen des Handels an Must Haves unter den Weihnachtsbaum legt, wo nicht wenige alleinerziehende Mütter nicht zuletzt bedingt durch Erziehung vor Erwerbskarrieren und unter Mindestlöhnen bei geringbeschäftigten oder Teilzeitjobs bei nicht mal gleicher Bezahlung wie Männer für das Alltagsauskommen sorgen müssen und vom Kindesunterhalt et.al. eben nicht selten weniger renommierfähige Geschenke auch an Weihnachten zu bieten haben, wie das, was zB für Schule und Kleidung im Alltag nötig ist. Und täglich pünktlich auf der Matte von Kindergarten, KiTa oder Schule zu stehen, egal ob am Arbeitsplatz die Hütte brennt und nicht nur Weihnachtskerzen am Baum eines Videos von Nivea, unter dem und in dem Väter Präsenzrechte fordern.

Da sei es dann ungerecht und männerfeindlich, wenn Papis sich an Weihnachten in der Welt Alleinerziehender oder verpatchworkter Neufamilien nicht im Leben ihrer Kinder aus früheren Beziehungen wiederfinden und das dennoch ein wunderschönes Weihnachten aus dem Blickwinkel dieser Kinder sein darf? Aus dem Blickwinkel der Kinder? Wie eben in diesem Video aus genau diesem Blickwinkel eines Kindes doch betrachtet und gezeigt? Dürfen Kids dann nicht glücklich sein, kein schönes Weihnachten haben und spüren und erzählen, wenn Papi nicht auch im Bilde ist, selbst wenn er im Alltag nur noch Teilzeitvater ist und sein kann?

Woher die Motivation, den Onkel im Video mal als neuen Freund der Mutter zu deklarieren (wofür nix spricht), mal zum Deppen, der nicht mal Kinderhemden richtig knöpfen kann. Was vor allem auch zeigt und suggeriert: Nichts ist perfekt, nicht Dinge, nicht Leben, nicht Menschen, sie gehören dennoch zu denen, die von Kindern geliebt werden und geliebt werden können, selbst wenn sie eben nicht perfekt sind und sein müssen. Eine Botschaft, die auch umgekehrt gilt – für Kinder selbst: Wir und sie dürfen auch Fehler haben und machen, alltäglich und auch an Weihnachten, wichtiger als Perfektion ist etwas anderes.

Mag sein, Väter  finden sich darin nicht wieder – weil eben Alltag und an Festtagen dann auch vielfach Realität ist, dass diese Tage nicht mehr mit ihren Kindern und immer und jedes Mal Weihnachten verbracht werden. Oder werden können. Es ist aber Realität. Was auch das Video zeigt. Und wenn Väter sich darin nicht wiederfinden und das im shitstorm beschimpfen und aus väterlicher Abwesenheit im Video allein dann auch Ausgrenzung unterstellen, bösartige, bewusste Ausgrenzung durch Nivea wie auch der Mütter der Kinder, dann ist das unlauter. Ebenso wie es unlauter ist, diesen Spot zu politisieren für Anliegen und durchaus berechtigt kritikwürdige rechtliche Situationen und Fälle, in denen Vätern mit (unberechtigten) Vorwürfen von Missbrauch der Kinder Umgangs- oder Sorgerechte entzogen werden. Solche rechtlich zu bekämpfen ist legitim. Ein Video zu instrumentalisieren und zu diabolisieren als absichtliche Ausmerzung und Ausgrenzung und Entsorgung von Vätern aus der Welt ihrer Kinder ist es nicht. Hier wird ein Stück Selbstmitleid, eine tüchtige Portion Larmoyanz im Shitstorm von Vätern sichtbar, die sich über zu Tränen rührende Kinderaugen und Weihnachtsvideostories zum Boykott rufen, aber eben der Alltagsrealität dann nicht gerecht werden. Der Alltagsrealität ihrer Kinder. Der Mütter der Kinder. Und auch der eigenen der Väter. Die eben nicht jedes Jahr und jeden Heilig Abend mit ihren Kinder verbringen – wie übrigens auch viele Mütter nicht, wenn Väter mit Heilig Abend „dran sind“ und das Kind oder die Kinder ihn bei ihm und nicht bei Mama verbringen.

Väter der Welt der shitstorms – wenn Euch nur die eine Hälfte von Weihnachten, die eben „nur“ mit Müttern nicht gefällt, die ein Hersteller eines Kosmetikprodukts gedreht hat, mit Müttern, Kindern, Onkels und Grosseltern, die nicht die Euren sind, na und?!? Lebt und dreht mit Euren Handys oder Smartphones oder Kameras EUER Leben mit EUREN eigenen Kids, Brüdern, Schwestern und Grosseltern, lebt und filmt Eure Realität solcher Festtage. Dann seid Ihr mittendrin und Ihr und Eure Kids Mittelpunkt Eures realen Lebens. Dann bitte schön verbringt Zeit mit Euren Kids, lebt und füllt sie mit Leben und wenn Ihr Filme von Weihnachten haben wollt, wie sie mit Euren Kindern sein sollen, dann filmt sie eben und Euer Leben. Wenn Eure Realität besser und anders ist – so what about a video from Nivea?

Und wenn Eure Festtagsrealität im Leben nicht besser ist – dann krempelt die Ärmel hoch und macht was Besseres daraus. Wo Ihr eine Rolle spielt. Und filmt sie meinetwegen und freut Euch an Eurem Leben und Eurem Video darüber.

Denn soviel steht in jedem Fall fest: Wer sich in Niveas Video wiederfinden kann und wird, sind – leider eben doch oft genug – die Kinder. Und vielen würde man bei Alleinerziehenden wünschen, sie hätten wirklich auch in ihren Restfamilien an Tagen mit Mama ebenso wie an Tagen mit Papa so stimmungsvolle und nicht in der Stimmung getrübte Weihnachten. In denen Familie auch dann noch das schönste Geschenk ist, wenn Familie getrennt und aufgeteilt wurde.

Würde man heile Welt stattdessen in Videos zeigen, wäre zu recht die Kritik am Platze, dass das nicht Gesellschaft abbildet und Kindern weh tun muss, die das eben alltäglich nicht erleben, auch nicht an Festtagen. Wie müssten sich Kinder fühlen, wären nur Familienvideos mit klassischen Familien zu sehen, die sie selbst so schon lange nicht mehr und nicht nur an Weihnachten nicht mehr kennen. Während sie selbst damit leben, dass ihre Welt eben im Alltag wie auch an Weihnachten anders aussieht: Mit einem Elternteil und anderen Menschen.

Man kann sich darüber echauffieren, dass ein Onkel in dem Video vorkomme – und böse Fantasien galoppieren lassen, dass dies wohl gemeinerweise „Papis Nachfolger“ sei. Ein Schelm, wer immer Böses denken muss. Nichts, aber auch rein gar nichts, nicht die leiseste Geste der Mutter oder des „Onkels“ deuten auf eine neue Liebe und Pärchen hin, im Gegenteil.

Hier wird im shitstorm projiziert ohne Ende und Maß und Augenmaß.

Mütter sollen gelegentlich schlicht und einfach wirklich Brüder haben, die für Kinder bei intakten Familien wie bei Rest-Familien und Alleinerziehenden gleichermassen die Helden und Lieblingsonkel der Kids sind. Wie auch Grosseltern, auf die sich Kinder zu allen Zeiten und in allen Familien, Rest- und Patchworkfamilien immer besonders freuten und freuen. Und eine Konstante bleiben, oft auch bei Scheitern von Partnerschaften, Ehen und Beziehungen von Paaren, die weder die Beziehung gut hinbekommen haben, noch schaffen, ihr Ego zurückzustellen und Weihnachten vor allem für die perfekt, so nah an perfekt geraten zu lassen, für die es eigentlich am Schönsten sein sollte. Es ist ein Lied auf Familie. Familie, wie sie heute Realität ist. Für Kinder. Aus dem Blickwinkel von Kindern. Im Mittelpunkt, wenn überhaupt nicht Mama (und gegen Papa), sondern Grosseltern. Wer sich dabei ausgegrenzt sieht, sucht nach Ausgrenzung. Wer andere Meinung als Boykott und Aufschrei nicht akzeptieren kann, hätte Grund, manches zu hinterfragen. Vor allem an sich. Wer sich schon angegriffen fühlt, wenn andere eine eigene und andere Meinung haben. Und aussprechen.

Väter , die sich um ihre Kinder kümmern – nicht nur zu Weihnachten – sind prima. Aber nicht sie sind der Nabel der Welt, sondern die Kinder. Beider Eltern. Beide Elternteile sollten das in Alltag und bei Festtagen nicht vergessen und versuchen zu ermöglichen, wo und wenn möglich. Realität ist aber eben nicht mehr Heilige Familie an Heiligen Abend um die Krippe versammelt. (Und hier lassen wir beiseite, dass und welche Rolle Joseph als „Vater“ einnahm).

Stattdessen auch noch an Videos herummäkeln und shitstorms anzetteln, in denen sie ihren persönlichen Beziehungsfrust und ihr zurückgesetztes Ego austoben, im Leben ihrer Kinder im Alltag und an Weihnachten nicht mehr 1:1 mitzuerleben, mutet wie gekränkte Eitelkeit an. Anstatt sich mal an der eigenen Nase zu fassen, was sie dazu täglich wie an Weihnachten dazu beitragen, dass dieses nicht mehr so „perfekt“ ist, wie sie es von Videos einfordern. Für eine „heile Welt“, in der sich alle immer und immer gleich lieb haben, die sie aber im Alltag nicht auf die Reihe bekamen und bekommen. Nicht Videos bestimmen, wie ihr eigenes Weihnachten aussieht. Sondern Menschen. Im realen Leben. Und was sie selbst aus ihrem eigenen Weihnachtsfest machen. Für sich. Und für Kinder. Um ihnen ein schönes Fest zu bescheren und nicht nur eine schöne Bescherung.

Und auch darüber sich mal ein paar Stunden der Zeit und Auszeit und der Distanz zu falschen und wenig zielführenden Projektionen und Illusionen zu nehmen, Besinnung und Besinnlichkeit zu nutzen, um nicht an Videos herumzumäkeln, sondern das eigene Leben und wie man Alltag wie Festtage und Familie leben und besser leben kann, ist Advent nicht die schlechteste Zeit.

In diesem Sinne: Schöne Adventstage! Mit allen Ihren Lieben. Bis Weihnachten. Und auch an Weihnachten.

Einen Überblick über die Geschichte der Christuskirche in Murnau kann man hier lesen.

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Eine Antwort zu “Advent in der Christuskirche Murnau

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