„Alpen abgezockt – Berge, Schnee und Billiglohn“ – eine Vorabkritik

 Schau ins Blaue Land  © Liz Collet

Schau ins Blaue Land © Liz Collet

„Alpen abgezockt – Berge, Schnee und Billiglohn“. In der Ankündigung ist von „Garmisch-Partenkirchen, ein Alpenwahn“ die Rede. Bei dem Film in der WDR-Reihe „Die Story“ , der am Montagabend gesendet wird, rechnen manche, die den Autoren für die Sendung ein Interview gaben und inzwischen den Schnitt der Vorankündigung mit den Texten zu dem Beitrag gesehen haben, mit dem Schlimmsten. Zum Beispiel Garmisch-Partenkirchens Tourismusdirektor Peter Ries diesem Bericht zufolge. Ganz falsch könnte er damit nicht liegen, denn das Video, das als Teaser hier zu sehen ist mutet ebenso tendenziös wie reisserisch an. Ob der ganze Beitrag sich so gestalten wird oder ausgewogener ausfallen wird und mit dem skandalisierendem Teaser und Vorankündigung zur Sendung nur quotenheischend Zuschauer gewinnen will, wird abzuwarten sein.

Der Beitrag befasst sich mit Garmisch-Partenkirchen, das mit  27.000 Einwohner, 800 Hotels und Pensionen, über 200 Restaurants und Bars, 500 Geschäften, einer Spielbank, einem Kongresszentrum über 1,3 Millionen Übernachtungen   pro Jahr verzeichnet, zu denen circa fünf Millionen Tagesgäste zu addieren sind.

Im Winter locken 60 km Skipiste, größtenteils künstlich beschneit, und Deutschlands höchster Berg, die Zugspitze. Im Sommer zieht die  Bergwelt die Gäste an. Und nach diesen zunächst noch sachlichen Daten zum Ort, nimmt bereits der weitere Text der Ankündigung eine abrupte Wende: Danach sei Garmisch-Patenkirchen  ein Alpenwahn: kahle und schlammige Skihänge im Sommer seien die bekannten ökologischen Konsequenzen. Doch eine wichtige Folge des Alpenwahns sei unbekannt: zunehmende Armut. Fast 20 Prozent aller Haushalte in Garmisch leben dem Bericht zufolge  von weniger als 1.100 Euro im Monat. Das seien doppelt so viele wie im restlichen Bayern. Die meisten Saisonkräfte im Hotel- und Gaststättengewerbe arbeiten dort dem Bericht zufolge zum Billiglohn – „von wegen Goldgrube Tourismus“.

Dies und die weiteren Vorabinformationen sind hier zu sehen und lesen und das Video mit der Vorankündigung dort.

Tatsächlich gibt es – allerdings nicht auf Garmisch-Partenkirchen begrenzt – das Problem von Billigst – und Niedriglöhnen in den Berufen der Gastronomie, Hotellerie und Tourismus und daher wäre ein Beitrag hierüber sicher sinnvoll und ein lohnenswertes Anliegen. Ob der Beitrag dies anhand Garmisch-Partenkirchen exemplarisch und stellvertretend für ein generell bestehendes Problem darstellt oder nur auf Anprangern eines Ortes abzielen wird? Es bleibt abzuwarten.

Ebenso ob und wie und mit welcher Ausgewogenheit der Beitrag darstellen wird, wie Tourismus derzeit in Garmisch-Partenkirchen (und generell) mit der Frage ökologischer Aspekte umgeht und wie diese in Einklang gebracht werden oder werden müssten und ggf. wo Ansatzpunkte erforderlichen Umdenkens bestehen könnten. Ob auch das nur ein Zuckerl thematisch „für eine story“ sein soll – oder auch inhaltlich journalistisch Essenz und Essentielles bietet.

Ärgerlich ist an diesem Sendebeitrag aber noch etwas anderes – schon vorab und vor Ausstrahlung. Und zwar nicht zuletzt auch deswegen, weil er eine Attitude einnimmt, als wolle er sich für Arme und gegen Armut stark machen.

Dazu in diametralem Widerspruch steckt ein Sendekonzept und Projekt bei diesem (und mutmasslich weiteren folgenden Sendungen), das Zuschauer öffentlich rechtlich durch den Rundfunkgebührenbeitrag in zwei Klassen teilen und spalten wird. Solche nämlich, die Smartphone und Tablet besitzen oder sich leisten können und ———-andere eben. Rundfunkgebühren werden inzwischen pro Haushalt entrichtet und bereits dann, wenn sie nicht einmal einen Fernseher besitzen, ein internetfähiger PC genüge.

Beiträge öffentlich rechtlicher Sender sollten dann aber auch von einem der beiden Empfangsmöglichkeiten in vollem Umfang vom Zuschauer gesehen werden können und ihnen zugänglich sein. Dies ist für Zuschauer, die nur diese beiden Geräte besitzen nicht mehr möglich für die genannte Sendung und mutmasslich auch künftige solche Sendungen. Sie bekommen quasi nur eine Basicversion, nur der technisch auch mit Tablet und Smartphone (und finanziell dafür )besser ausgestattete Zuschauer wird die Vollversion aller weiteren vorhandenen Elemente des Sendebeitrages sehen und nutzen können, die er zwar über seine Gebühren mitfinanziert hat und die davon produziert wurden, die ihm aber als Zuschauer mit einer dann inhaltlich für ihn limitierten Informationsfreiheit nicht mehr wie anderen konsumieren kann. Worum geht es konkret?

Der Sender und die Autoren wie die Ankündigung werben für diesen Beitrag auch damit, dass sich unter dem Titel „my story“  die WDR-Zuschauer die Dokumentation „Alpen abgezockt – Berge, Schnee und Billiglohn“ von Johannes Höflich und Jo Angerer in einer eigenen Version zusammenstellen können, wobei sie zusätzliches Sendematerial erhalten:

Mit Smartphone oder Tablet kann man über einen während der Sendung ausgestrahlten QR-Code oder alternativ über die Internetseite der Sendung http://www.wdr.de/tv/diestory/ auf ein mobil empfangbares Video gelangen und dort seine eigenen Interessenschwerpunkte zum Thema Alpen angeben. Dann wird der Film aus der Reihe „die story“ automatisch um zusätzliche filmische Aspekte, Informationen und Interviews ergänzt. Mit dem redaktionell und technisch neu entwickelten Projekt geht die renommierte WDR-Reihe „die story“ erstmals am kommenden Montag auf Sendung.

Dabei können die Zuschauer zwischen den Schwerpunkten „Naturschönheiten“, „Ökologische Folgen des Tourismus“, „Skifahren“, „Soziale Folgen des Tourismus“ und „Zugspitze“ wählen. Auch Mehrfachnennungen funktionieren bei „my story“. Die Schnittpunkte, an denen die zusätzlichen Sequenzen live in den Film eingefügt werden, bleiben für den Zuschauer unsichtbar.

Diese neue redaktionelle Idee wird von einer ausgeklügeltes Strategie aus filmischer Dramaturgie und technisch präziser Programmierung begleitet. Entstehen konnte das Projekt in Kooperation von Redakteuren der „story“, Fachleuten aus dem WDR-Bereich Fernsehen online sowie der Kölner Fachfirma RubinMedia.

Die Neuerung hat Modellcharakter. Nicht nur Filme aus der Reihe „die story“ können von den zusätzlichen filmischen und journalistischen Möglichkeit profitieren. Auch TV-Magazinsendungen können den Zuschauern damit neben den Filmen aus der Hauptsendung zusätzliche, bei der Recherche und den Dreharbeiten entstandene Informationen und Eindrücke zum jeweiligen Thema anbieten.

Wenn diese Sortierung „Schule macht“, entsteht eine Programmlimitierung für finanziell weniger gut gepolsterte Zuschauer, die denselben Rundfunkbeitrag entrichten und eine Ausgrenzung von Menschen mit geringerem Einkommen. Das ist nicht Sinn und Zweck öffentlich-rechtlicher Sender und ihres Auftrages, der allen zugängliche Informationsfreiheit und -möglichkeiten gewährleisten soll und hieraus auch seine Gebührenfinanzierung beansprucht.

Dass dies zudem im Kontext eines Beitrages geschieht, der Armut und eine Spaltung der Gesellschaft und Menschen in einem Tourismusort anprangert und davon spricht, dass dabei ein „Riss durch den Ort“ gehe, bei dem die einen am Toruismus gut verdienen, die anderen nicht und von „purer Ausbeutung“ im Teaser spricht bzw sprechen lässt und damit zum Thema fokussiert, hat mehr als ein Gschmäckle von Doppelmoral, schon vor der Ausstrahlung und dem, was der Beitrag inhaltlich leisten will und wird.

die Story, ARD/WDR, Montag, 1. Juli 2013, „Alpen abgezockt – Berge, Schnee und Billiglohn“ aus der Reihe „die story“, 22:00 bis 22:45 Uhr.

Kritik des Sendebeitrages nach Ausstrahlung zum Inhalt folgt gesondert.

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Eine Antwort zu “„Alpen abgezockt – Berge, Schnee und Billiglohn“ – eine Vorabkritik

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